Fahrrad Radfahren Rad Zweirad

Fahr()rad!

Alle hören Musik. Doch keiner tanzt. Zwischen Ellbogen und Bäuchen zur Bewegungslosigkeit gezwungen schaue ich in die Gesichter der Menschenmasse um mich herum. Alle starren in ihre Handys und ignorieren die Ansagen von dem irgendwo dort vorne, der den nächsten Hit ankündigt. Was sich anfühlt wie ein Konzert im Jahr 2018, ist in Wahrheit eine Busfahrt der Linie 5 an einem Montagmorgen.

Und ich denke nur an eines: an meinen Drahtesel ohne Pferdestärken. An meinen Antrieb ohne Kraftstoff. An mein Zweirad ohne Einspritzpumpe oder Dreitakttumor. Ich stehe bzw. stecke im Bus und denke an mein Fahrrad. Wie konnte ich dich nur zuhause lassen? Warum bist du jetzt nicht bei mir? Warum muss ich mich von fremden Menschen anschwitzen lassen? Und wieso hat der Typ neben mir zum Frühstück scheinbar Döner – ausschließlich aus Zwiebel bestehend – gegessen? Während ich beobachte wie Trauben entspannter Radfahrer vor der Fensterscheibe an uns vorbeifahren, denke ich an Die Prinzen: „Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da.“

Ich hätte mein Ziel nicht nur zehn Minuten früher erreicht, ich hätte meinen müden Kreislauf auf Fahrt gebracht anstatt meine Psyche in dieser Virenschleuder der schlechten Laune in eine 11-Haltestellen-währende Minidepression zu stürzen. Dass Fahrradfahren gesund ist, dafür muss man nicht die Apothekenumschau lesen. Zudem erspart man sich selber und der Umwelt einiges an Kosten. Trockener als mit dem Saunabus mit Zwiebelaufguss kommt man auch nicht an. So wie eigentlich alles gegen das Rauchen spricht, spricht eigentlich alles für das Radfahren. Man sollte Bilder von Kindern im Abgasqualm auf Busse kleben und Autohersteller zwingen, Warnhinweise auf den Motorhauben ihrer Fahrzeuge anzubringen („Jeder Popel fährt ein Opel.“, „Autofahren verstopft ihre Arterien und Straßen.“ oder „Ihr Auto bedroht ihre Potenz.“)

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Ein nicht zu verachtender Vorteil dürfte zudem sein, dass man keine menschliche Kommunikation ertragen muss in dieser kleinen Oase zwischen Zuhause und Beruf. Zwischen „Erklären Sie mir diese Zahlen“ und „Erzähl, wie war dein Tag, Schatz“. Selten wird ausgiebig geredet auf dem Rad. Und dennoch: gerade ohne schützende Smartphone-Haube kommt man mit Menschen in Kontakt, wenn man möchte. Während man im Bus den Typ mit offenem Rucksack sich seinem Schicksal überlässt, weist man Radfahrer darauf hin, dass ihre Sporttasche vom Gepäckträger zu fallen droht. Man gibt sich an der Ampel wartend Komplimente für das schöne Retrorad oder die neuen Schuhe. Während man in der U-Bahn versucht, seine exponentiell ansteigenden Aggressionen zu unterdrücken, lässt man auf dem Rad aller Emotionalität freien Lauf. Ohne Rücktritt schreit und klingelt man sich an. Mit einem herzhaft vorgetragenen „Das ist kein roter Teppich, du farbenblinder Fußlegastheniker mit Geltungsbedürfnis!“ kommt der Kreislauf doppelt in Fahrt und die Pendelstrecke wird äußerst kurzweilig. Sommerradler werden wie Sonntagsfahrer besonders freundlich willkommen geheißen. Amüsiert schlängelt man sich zwischen hupenden Autos und marodierenden Einparkern durch die Blechlawinen. Fasziniert stellt man fest: oft ist der Verkehrslärm an sich mindestens so laut, wie der Lärm der Verkehrsteilnehmer unter sich.

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Städte wie Amsterdam oder Kopenhagen machen es vor: mit Straßen, Fahrspuren und Parkplätzen nur für Fahrräder richten sie ihre gesamte Infrastruktur auf zweirädrige Bedürfnisse aus. Und so rollt die eigene Bevölkerung trotz eines ausgeprägten Faible für frittierte Fleischrollen und zuckrige Zimtschnecken schlank und elegant durch Gassen und Radfahrmassen. Fernab der Abgaswolken und U-Bahn-Gerüche wird die Nase frei für die Düfte – nicht nur diejenigen, die aus Fritteusen und Backstuben herbei wehen. Ohne sich hinter Windschutzscheiben oder Kopfhörern zu isolieren entdeckt man nicht zuletzt auf dem Rad ganz neue Wege eine fremde Stadt zu erkunden. Und die eigene Stadt.

Denn, „nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da“.

2 Gedanken zu „Fahr()rad!

  1. Stimmt! Alles! Denn im Wort Fahrrad verstecken sich zwei Begriffe….zum einen das Wörtchen Fahr…..und nicht steh ,sitz oder lauf ! Man(n)/Frau bewegt sich fort und genießt das Ankommen bzw. das Hinkommen! Ganz anders wie in öffentlichen Verkehrsmitteln.
    Aber der wichtigere Teil ist das Wörtchen Rad(t). Man gefolgt bei Radeln alle Ratschläge der Ärzte,Ökologen,Umweltschützer, Städteplanern und klugen Mitmenschen! Weil Radfahren sparsam, gesund ,umweltfreundlich und (wie wir gelesen haben) sehr kommunikative ist. In diesem Sinne…nur Genießer fahren Fahrrad und kommen immer schneller an!!!!

  2. Radfahren kann, wie ich oft erlebt habe, sehr genussvoll sein, vor allem bei Radtouren durch eine schöne Gegend. Dass wir aber im innerstädtischen Verkehrsgetriebe vor den Autoabgasen auf dem Radweg, auf dem uns zu allem Überfluss auch noch vom parkenden Auto an der Seite die Tür vor den Lenker krachen kann, besser geschützt sind als in Bus oder Bahn, möchte ich doch eher bezweifeln

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