Oh Videotie – das Trauma der bewegten Bilder.

Da ist sie wieder. Diese Stimme. Diese hohe, leicht schrille Frauenstimme, die so fremd, so eigenartig, so anders klingt. Ich kenne sie nicht, diese Stimme. Und doch kenne ich sie: es ist meine eigene Stimme. Verdammt.

Ich sitze in einem Managementtraining und starre auf die Frau auf dem Bildschirm. Ich starre auf mich selbst. Ich fühle mich wie in einem Trainingscamp des DFB. Per Videoanalyse soll mein verbales Verhalten auf dem grauen Raufaserrasen inspiziert und optimiert werden. Während um mich herum Inhalte diskutiert und meine Person analysiert werden, starre ich diese fremde Person unbeirrt an. Ich höre nicht auf die Inhalte, ich nehme nur die äußeren Reize wahr. Ich höre nicht, was die Frau mit der viel zu schnellen Redeweise sagt, ich zähle nur die „ähms“ und unvollendeten Sätze in ihren Ausführungen. Ich möchte ihre gekräuselte Stirn mit Tesafilm fixieren. Ich möchte ihr ins Wort fallen: Was machst du da? Hör auf deine Arme zu bewegen, als seist du eine koffeinsüchtige Krake im Dirigierkurs für Blindfische! Ich möchte sie fragen, ob sie zu Mittag Kohlsuppe gegessen hat, oder warum sie zwischendurch so einen verkniffenen Gesichtsausdruck macht. Gleichzeitig versuche ich ihr Doppelkinn damit zu entschuldigen, dass Kameras ja, wie jeder weiß, dick machen. Mindestens fünf Kilo mehr. Ich frage mich, wie viele Kameras hintereinander auf die Szene gerichtet sind, um sich zu dieser latenten Fettleibigkeit aufzupotenzieren. Kurzum: ich möchte mich auswechseln. Zu eigenartig ist diese Besetzung der Hauptrolle im Film des eigenen Lebens.

Während man sich durch jahrelanges Training an Fotos der eigenen Person gewöhnt hat, so sind die meisten Menschen auch noch nach Jahren des Lebens im eigenen Körper schockiert, traumatisiert, aber zumindest irritiert von der eignen Person, wenn sie sie außerhalb ihres eigenen Körpers sehen und hören. Kann man sich bei Bildern stets einreden, einfach unpassend im falschen Moment, Winkel oder Licht getroffen worden zu sein, gleichen Videoaufnahmen der Aneinanderreihung „unglücklich getroffener Schnappschüsse“. Während man seinem Spiegelbild oft einen unnatürlichen Gesichtsausdruck und eingezogenen Bauch präsentiert, sind Videoaufnahmen ungesteuert. Hat im Kopf die eigene Stimme ein erotisches Timbre, erinnert die Realität an die lieblichen Klänge eines Glasschneiders. Während man schockiert feststellt, dass sich das Scheppern im Kopf scheinbar doch seinen Weg nach außen bahnt, schaut einen das eigene Umfeld gelangweilt an. „Was ist das Problem mit deiner Stimme? Die klingt doch immer so.“ Genau das ist das Problem. Bewegtbilder, die zum Weggehen bewegen.

Video Kamera

Es gibt Menschen, die lieben die Bühne, lieben es im Mittelpunkt der Kamera, der Aufmerksamkeit zu stehen. Doch mindestens so groß, wie das Rudel der Rampensäue, ist die Schar der Stallhasen, die verschreckt dreinblicken, wenn sie doch einmal ein Scheinwerfer trifft. Der Grund ist klar: wir haben es uns in unserer eigenen Wahrnehmung gemütlich gemacht. Der leicht schielende Blickwinkel auf die eigene Person gefällt uns. Wir wissen um die Unschärfe, aber wer will schon Schärfe, wenn er in seinem Kopf singen kann wie Whitney Houston?

Die Erkenntnis des Trainingskurses ist jedenfalls, dass es niemals einen Videobeweis meiner Gesangseinlagen geben darf. Niemals.

2 Gedanken zu „Oh Videotie – das Trauma der bewegten Bilder.

  1. Mein Gott, was müssen die Menschen, besonders die arbeitenden,heute alles ertragen!😉
    Konnte einem früher höchst selten sein eigenes Konterfei begegnen, (höchstens wenn auf dem Geburtstag von Oma ein Hobby Filmer war) so muss Man (n)/Frau es anscheindend heute bei allen möglichen Trainings ertragen, dieser unvollkommenen,nervigen irritierende Erscheinung ( dem eigenen Spiegelbild) gegenüber zu treten!!!😊
    Ich hatte das Glück die wenigen filmischen Dokumente meiner Person, schon vor Jahren zu vernichten und zu vergessen. Aber dem armen Schellenaffen scheint das ja, bei der geballten Antahl von Managerschulungen , die heutzutage gefordert/geboten werden, noch so manchesmal bevor zu stehen!!!
    Da heißt es dann…..Augen zu und durch und mal wieder das Rheinische Grundgesetz zitierten….es hätt noch viel schlimmer komme könne!!!😉

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