KulturUnfug

Nicht ohne Folgen – das Seriensuchten.

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Früher war die Welt zwar geprägt von kettenrauchenden, latent alkoholabhängigen Mad Men – aber sie war doch irgendwie nicht vollkommen schlecht. Sie war überschaubar. Sortiert. Chronologisch. Sie war vielleicht mal beschwipst, aber niemals berauscht. Stets kontrolliert und bedächtig. Ein Krieg, eine Volkspartei, eine Jahreszeit, eine Lebensmittelunverträglichkeit nach der anderen. Unser Leben gliederte sich in sauber getrennte Staffeln. Wir lebten in der gemütbürgerlichen Lindenstraße. Mal gab es gute Zeiten, mal schlechte Zeiten. Selten verbotene Liebe oder ein Besuch in der Schwarzwald Klinik.

Doch heute sind gemeinhin die Sicherungen durchgebrannt. Sendepausen wurden abgeschafft. Im Lärm der generellen Gemengelage fällt es schwer, leise Klänge wahrzunehmen. Hör mal, wer da hämmert an diesem fragilen, zugigen House of Cards interessiert kaum noch jemand.  Der Prinz von Bel Air dürfte es nicht sein, der an der Tür mit lauter Rapmusik pocht. Wohl eher ein Mann, der wie ein Zeuge Jehova penetrant vor dem Hauseingang steht und erzählen möchte, wie er unsere Mutter kennenlernte. Mit einem lauten Big Bang schlägt man ganz untheoretisch die Tür zu und begibt sich auf seine Insel der Geborgenheit. Auf seinen Throne of Gammeling. Man verschließt die Tür und sich vor der Welt da draußen. Statt Full House schaltet man ab und irgendwas ein, schmiegt sich an jemanden oder etwas – und lässt sich Narkos-isiert. In seinem Homeland.

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Und so beginnt die Sucht. Ihren Anfang nimmt sie mit der Menüauswahloption „Alle Episoden abspielen“ . Sie nährt sich sodann von Cliffhangern und dem Gedanken „Ach eine geht noch“. Folge um Folge flimmert dahin. Kettengucken. Binge-watchen. Stunden, Tage, Monate vergehen und man beginnt Teil der viereckigen Welten zu werden. Man spinnt politische Intrigen, kämpft gegen verfeindete Clans und sitzt mit seinen Bros und Wingmen in einer Bar und beobachtet die Gilmore Girls. Seine irgendwie witzkargen Friends ruft man in der Regel lediglich an, wenn der Stoff ausgeht und man einen Tipp braucht, um nicht im Emergency Room zu enden. Zur Arbeit geht man eigentlich auch nur noch, um sich mit seinen Arbeitskollegen darüber zu unterhalten, wer die Staffel überleben wird. Die Diskussion schwankt zwischen der Ehefrau des Lord Tabalugadingsbums und der eigenen Person. Es ist schließlich ungewiss, ob man den nächsten Monat überdauern wird aufgrund der Ernährungsumstellung auf überraschend lautstarke Snacks. Das Aufreißen von Popcorntüten und Salzbretzelpackungen der Kategorie breaking bad ist aber auch zu nervtötend.

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Musste man früher geduldig eine Woche lang einem geregelten Alltag nachgehen, bis man erfuhr, ob Mutter Beimer vielleicht doch lesbisch ist, so kann man heute ungeregelt seiner Seriensucht nachkommen. Erinnert man sich an sein Passwort, ist es in der Regel vernetflixt einfach von einer Folge, von einer Staffel, von einer Serie zur nächsten zu fließen. Keine Downloads, keine DVDs, keine Dauerwerbung. Einfach so geschieht es. Doch dann tritt irgendwann tatsächlich das ein, was man nie für möglich und für eine Übertreibung in einem Sitcom-Drehbuch gehalten hat: ein mit zusammengeklebten Essstäbchen konstruiertes Poking Device bahnt seinen Weg durch das offene Fenster und tippt einem an die fahle Wange, um zu überprüfen, ob man auch noch lebt, bei all der Regungslosigkeit. Das bringt dann wohl das Maß und Dawsons Creek zum Überlaufen. Man beschließt etwas noch Verrückteres zu tun, als Essstäbchen zu verkleben.

Man geht an die frische Luft. Denn schließlich gilt: Sky is the limit.  

2 Gedanken zu „Nicht ohne Folgen – das Seriensuchten.

  1. Alles was im ersten Viertel dieses Beitrags kursiv gedruckt steht, kenne ich aus meiner „Jugend“! SERIEN die im Fernsehn kamen und mich schon sehr schnell langweilte, weil , einmal gesehen, wusste man wie die 150anderen Folgen verliefen!
    Die letzten drei Viertel im heutigen Schellenaffen sind „Böhmische Dörfer“ für mich 🙄. Sodass ich eigentlich keinen Kommentar dazu abgeben kann, bis auf den: Oh mein Gott, jetzt weiß ich wenigstens worüber sich meine Kinder, wenn sie sich mal bei mir treffen, so unterhalten.
    „Hast du die Staffel schon gesehen?“oder „Hast du die etwa alle hintereinander gesehen? oder „Dass war echt die beste Staffel!!“
    Zeiten ändern sich, aber der Mensch nicht, er geht nur mit der Zeit. Also besteht noch Hoffnung, das auch diese Zeiterscheinung vorbei geht!😉

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