Kinderspielchen

Quartett Pferde Kinderspiel Karten Klimawandel Ökologie

Warum kennen Kinder einer gewissen Generation das Wort „Hubraum“? Richtig, weil sie Quartett gespielt haben. Also jenes pädagogisch nährstoffarme Spiel, bei dem es darum geht, das dickere Auto zu haben. Einzig das Recht des Pferdestärkeren zählt. Als Gewinner geht derjenige von der Couch, der das größte Flugzeug, das schnellste Auto oder die giftigste Spinne auf der Hand hat. Sofern er seine Karte denn ausspielen konnte. Denn allzu oft schielte man siegessicher auf die kraftstrotzende Zahl neben dem Wort „Hubraum“ – ohne zu wissen, was er eigentlich anheben soll außer der eigenen Laune – um dann von 100 auf null von seinem Gegner ausgebremst zu werden, da er die Frage nach der Beschleunigung stellte. Zähneknirschend gab man seine Karte ab und lernte, dass keiner und keine Karte in allem besser als andere zu sein scheint.

An jenes Spiel erinnert manche zwischenmenschliche Diskussion rund um den Zustand der Welt. Wenn Erwachsene miteinander diskutieren, vergleichen sie nicht nur gerne Meinungen, sondern auch ihr Gegenüber. Je existentieller die Themen, desto hitziger scheint das Spiel zu werden. Vor allem beim Öko-Quartett. Grundvoraussetzung, um überhaupt mitzureden, ist die Erkenntnis, dass es um unseren Planeten nicht allzu gut bestellt ist. Wer dem nicht zustimmen kann, spielt lieber Roulette. Doch bei allen anderen entbrennt alsbald rund um die Frage, ob und wie der Planet zu retten ist, häufig eine wilde Runde Quartett. Bei dem Problem, wie man als Gewinner irgendwann einmal von diesem verlorenen Planeten gehen wird, werden die Karten wahllos gemischt. Jeder spielt nach seinen eigenen Regeln:

Ich sortiere 15 Arten von Müll.

Ich fliege 0 Meilen, außer nach Neuseeland.

Ich esse 0 Tiere, die an Land leben.

Ich wähle 1 Ökopartei, die alles regeln wird.

Ich rette 7 Bienen in meinem Insektenhotel.

Ich sehe 5 Windräder von meinem Gartenzaun aus.

Wir machen uns die Welt, Widdewidde wie sie uns gefällt. Jeder wählt die Kategorien selbst aus, mit denen er sich messen möchte und evaluiert seine Überlegenheit mit ganz eigenen Messgrößen. Plastikvermeidung sticht Insektenschutz. Klimagase ersticken Menschenrechte. Dass das eigene Blatt auf der Hand vielleicht nicht perfekt ist, sieht man noch ein. Aber den Gedanken, dass es schlechter sein könnte als die Karten des Gegenübers, lässt man nicht zu.  Und ohnehin kann ja nicht alles auf das Individuum abgewälzt werden. Die da oben haben doch eh die meisten Karten in der Hand. Und überhaupt: Wer soll sich das leisten?!1!!

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Blöd nur, dass auf keinem Ahornblatt geschrieben steht, dass wir – und nur wir – uns all das leisten sollen. Dass wir ein Recht auf Fernreisen, Fleischessen und Fast Fashion haben. Dass Busfahren und Hafermilch unsere Freiheitsrechte einschränken oder die Vergiftung des Planeten steuerfrei zu haben sei. Wer soll sich unseren Lebensstil leisten? Niemand! Darum geht es doch. Wir haben kein Anrecht auf Rechthaberei.

Quartett lebt von festen Regeln. Unsere Debatten sollten es vielleicht auch tun. Jeder hat ein paar gute Dinge in seinem Quartett. Sei es, weil er sich den Flug nach Neuseeland nicht leisten kann oder weil er bewusst auf Fleisch verzichtet. Dies nicht reflexhaft als Bedrohung der eigenen Lebensweise wahrzunehmen, sondern als eine gute Sache für die gute Sache ist ein erster Schritt. Der zweite Schritt besteht darin, sich einzugestehen, dass man mit Dingen, die man sich vornimmt, noch nichts getan hat. Selten gewinnt man eine Runde Quartett, wenn man sich fest vornimmt, dass der Hubraum auf der nächsten Karte alle Dimensionen sprengen möge. Wenn das nächste Auto also elektrisch sein soll oder man ja eigentlich gar nicht so viel Fleisch isst, dann sind das schöne Gedanken, aber keine Fakten, die heute etwas bewegen. Der dritte Schritt besteht vielleicht darin einzugestehen, dass jeder ein paar verdammt schlechte Zahlen auf der Hand hat. Wenn wir diese alle nicht ändern, gehen wir alle als Verlierer vom Platz. Jeder muss sich ändern. Ob wir wollen oder nicht. In dreißig Jahren wird sich die Art und Weise wie wir uns fortbewegen, ernähren und die Zähne putzen radikal verändert haben. Ob wir wollen oder nicht. Das ist weder ein Grund zur Panik, noch ein Anlass für irgendwelche Kinderspielchen.

Noch ist genug Hubraum da, um die Sache anzugehen. Aber der Raum wird enger. Oder schwächer. Oder eben weniger von dem, was Hubraum eigentlich ist.

2 Gedanken zu „Kinderspielchen

  1. Ja,so hält der Klimawandel auch Einzug in ein (ur) altes Kinderspiel! Doch da er eigentlich eh überall präsent ist, ist dies nicht verwunderlich! Nur der gute Wille, uns die Leser, nun vielleicht endlich auf kindliche Weise mit diesem Thema vertraut zu machen wird (leider) auch nicht funktionieren. Denn der Mensch neigt nun mal dazu erst dann den Ernst der Lage zu begreifen, wenn es zu spät ist! Dann nämlich wenn es keine Fernziele mehr gibt oder das Fleisch so teuer ist, dass es unbezahlbar wird. Oder es nur noch E-Autos gibt usw. Etwas ändern ist immer schwierig und fordert Flexibilität! Das ist bei einer Milliarden großen Menschheit fast nicht möglich. Also bleibt weiterhin nur der kleine Wandel im eigenen Leben….denn steter Tropfen höhlt den Stein. Leider kann das dauern ……und das ist in diesem (und vielen anderen Fällen) fatal!

  2. Im Sinne von Trippel B: Allein unter Milliarden ist es schwer, aber niemand muss alleine die Welt retten und ein Ziel wird nicht dadurch falsch dass es unerreichbar erscheint – jeder kleine Schritt in die richtige Richtung ist gut …

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