Radio Ga Ga.

Radio Autoradio Radiowerbung Musik

Das Leben fühlt sich manchmal an wie eine recht langatmige Unterhaltungssendung. Wir reihen Unterhaltungsprogramm an Unterhaltungsprogramm und unterbrechen das Unterhaltungsprogramm lediglich für den Gelderwerb zur Finanzierung des Unterhaltungsprogramms. Je mehr Geld wir erwerben (und je weniger Zeit wir dadurch haben), desto mehr Unterhaltung bieten wir uns selber an in der verbleibenden, dahin rinnenden Zeit. Ob Sudoku, Plastiktütensammeln oder Fallschirmsprung – kaum eine Sache ist uns zu absonderlich, kaum ein Aufwand zu groß, um unseren anspruchsvollen Geist zu unterhalten. Einfach nur Sitzen und Transpirieren, bis der Tod uns ereilt, kommt nicht in Frage. Zu Tode gelangweilt scheint die schlimmste Form des Siechtums zu sein. Nein, die Sinne wollen befummelt und berührt werden.

Über die Ausmaße, die diese Stimulationssuche annehmen kann, wurde an dieser Stelle bereits ausufernd referiert. Bis zur scheppernden Stirnrunzelation berichtet der Schellenaffe seit nun mehr drei Jahren über Urlaubsabenteuer (Fifty shades of dying.)  Konzerterlebnisse (Zwischen Wahn und Wirklichkeit – ein Abend mit Bolzen Höxter. ) und Kunstobjekte (Avantgarde und Altkleider – ein Ausflug in die Kunstszene.). Über Schlammschlachten (Wat mud, dat mudder. ) und Sammlerfreuden (Safety cards first. ). Unterhaltung scheint der Unterhalt des Schellenaffen zu sein. Doch blieb bisher eine der beliebtesten Formen der Unterhaltung unkommentiert. Der Schellenaffe scheint beinahe sprachlos angesichts der allgegenwärtigen Dauerunterhaltung, um die es heute nun endlich gehen soll. Fans nennen es den Soundtrack des Lebens. Kenner erinnert es vielmehr an dieses leicht nervige Piep-Piep-Piep-Geräusch beim Rückwärtseinparken. Die Rede ist vom Radio. Von den Bestien der Achtziger, Neunziger und von heute. Die Dekade dazwischen ignorieren wir einfach mal, da passierte eh nichts außer Angela Merkel. Und die ist ja heute noch da. Also ist eigentlich wirklich nichts passiert. Außer sehr viel Stau. Und Seitenbacher Müsli.

Subtile Werbebotschaften eines fränkischen Müslimanens werden unterbrochen von Liedern, die jeder kennt und niemand mag. So wie eben Seitenbacher. Oder wer würde schon sagen, dass Modern Talking irgendwas mit Liebhaben zu tun hat? Ums Liebhaben geht es dafür viel bei Max Forster, nein Mark Giesinger, naja bei dem mit der Stimme, Sprechweise und Satzbauweise eines Fünfjährigen. Heeey. Liebe. Glück. Zusammen. Bubumachen. Und zehn Kilometer Stau auf der A3. Du schaffst alles. Wenn du nur willst. Auch eine Tasse zu gewinnen. Bei diesem tollen Gewinnspiel, bei dem immer nur hysterische Hausfrauen durchgestellt werden, die vor Freude ihre Kaffeetasse fallen lassen. Weil nur hysterische Hausfrauen bei Radiogewinnspielen mitmachen.

Wie Scherben im Ohr hört es sich dann an, wenn der von Müsli aufgeputschte, glücksbärchenartige Radio-Bot die Lieder anspielt, die in der nächsten halben Stunde gespielt werden. Die Tonfetzen werden feinsäuberlich durch den Jingle des Radiosenders unterbrochen und durch einen zwanzig minütigen Werbeblock abgerundet. Oder durch die mantrahaft aufgesagte Lobpreisung man sei der einzige werbefreie Sender. So oder so kriegt man die halbe Stunde bis zu den nächsten Nachrichten auch rum. Wieso die „Voll. Vollsperrung. Gemeinsam mit dir. In der 1A Vollsperrung. Und dann ab ans Meer. Ein bisschen stockender Verkehr. Oh yeah.“ – Meldungen und das bisschen Musikprogramm noch nicht endgültig eins geworden sind, bleibt ein Rätsel. Es wäre ein ohrensichtlicher Megashit.

Doch bei aller Kritik sollte man dem Radio dankbar sein. Dankbar dafür, dass alle anderen Formen der Unterhaltung nicht dem gleichen Muster folgen. Man sollte dankbar dafür sein, dass das Orchester nicht erst zwei willkürliche Takte spielt und dann die Bühne wieder verlässt und irgendwann in der nächsten Stunde wieder auf die Bühne kommt, um die restlichen Takte bis auf das Ende zu spielen. Man sollte dankbar dafür sein, dass sich in unserem Urlaubsschmöker nicht alle 20 Seiten der exakt gleiche Text wiederholt. Und dass sich genau dieser Text auch in jedem anderen Buch in diesem Moment befindet, dass wir hastig aufschlagen. Man sollte dankbar dafür sein, dass Menschen uns morgens in der U-Bahn nicht mit „WAS FÜR EIN TOLLER TAG HEUTE! DAMIT DU GUT ZUR ARBEIT KOMMST, SPIELE ICH EINEN ECHTEN GUTE LAUNE HIT – NUR FÜR DICH!!!“ begrüßen, während man „whenever, wherever“ die Notbremse sucht, um vor Shakira zu fliehen. Man sollte dankbar sein dafür, dass man der Kinofilm nicht durch den Hinweis auf Verkehrsprobleme in einem anderen Bundesland regelmäßig unterbrochen wird. Man sollte dankbar dafür sein, dass bei einer Wanderung der Freund nicht immer abgehackter und undeutlicher spricht, um dann ganz plötzlich zu verschwinden. Und nie wiederzukehren. Man sollte dankbar sein, dass Seitenbacher keine Fernsehwerbung…verdammt. Die Welt ist ein trostloser Ort. Zumindest, wenn man zu langem seinem Soundtrack lauscht. Denn der geht verdammt noch mal ins Ohr. Und bleibt im Kopf.




Orange life matters.

Trump Truck Fump Aufkleber USA

Versprechen muss man einhalten. Mögen sie auch noch so absonderlich und kolossal dämlich sein. Aber irgendwann hielt man das gegebene Versprechen schließlich für eine manierliche Idee. Versprechen zu halten, ist also eine Frage der rückwirkend betrachteten eigenen Zurechnungsfähigkeit. Das weiß in der Regel auch jeder kleinste Idiot oder größte Despot.

Und so wacht ein besonderer Idiot an einem trüben Novembertagmorgen auf. Bei einem kleinen Gläschen Sagrotan schaltet er den Fernseher ein, um vom Bett aus eine Dokumentation über sich selbst zu schauen. Die Sendung wurde jedoch abgesagt. Stattdessen laufen andere Witzfiguren durchs Bild und berichten in einer Flut an Eilmeldungen, dass der Idiot selbst aus seinem eigenen Haus ausziehen werde. In wenigen Wochen. Das habe irgendjemand, der sich „Wähler“ nennt, beschlossen. Diese Fake News werden langsam immer dreister, denkt sich der Idiot. Und postet einen entsprechenden Trött auf Trumper. „Melanie, die Frau“ gefällt als einzige dieser Kommentar. Trumper befindet sich nun mal noch im Aufbau. Nachdem der Idiot vergeblich per Dekret versucht hatte, Twitter zu verbieten, ließ er sich eben sein eigenes Kurznachrichtenportal bauen. Trumper – das beste Netzwerk der Welt.

Er, ausziehen? Das kommt auf keinen Fall in Frage. Eher geht er ungeschminkt vor die Haustür. Die Welt braucht ihn schließlich mehr denn je. Er muss noch ein Versprechen einlösen. Und so wird das unerfüllte Versprechen zur Lösung seines Problems: er hat den Menschen eine Mauer versprochen. Eine gewaltige Mauer. Die beste Mauer, die die Welt je gesehen hat. Er wird diese Mauer lediglich nicht mehr an irgendeiner staubigen Grenze zu (s)einem Schurkenstaat erbauen lassen, sondern rund um sein Haus. Dass ihm diese brillante Idee nicht schon früher gekommen ist, liegt vermutlich an den Freimaurern und den Chinesen. Doch denen wird er es nun zeigen. Per Befehl wird er ihnen zeigen, wer die Pekingente knuspriger brät: er wird die Herausgabe der chinesischen Mauer verordnen und diese in mehreren Kreisen um das eigene Haus wieder errichten lassen. Falls etwas dabei im Wege stehen sollte, wie ein Kongresshaus zum Beispiel, möge es doch bitte einfach verschwinden. Wie alle Probleme seit er an der Macht ist, verschwinden. Das was von der Chinesischen Mauer übrig bleibt, kann ja dann an irgendwelchen Grenzen aufgetürmt werden, wenn es unbedingt sein muss.

So bleibt ihm eine fantastische Menge an außergewöhnlicher Zeit übrig, um seine weiteren großartigen Projekte zu vollenden. Insbesondere die Olympischen Spiele, zu deren Boykott er doch schon dieses Jahr am liebsten aufrufen wollte, muss er doch noch miterleben. Beziehungsweise deren Nichtstattfinden. Eine Zusammenkunft von Menschen, die behaupten, sie seien die Besten in irgendwas, kann er schließlich einfach nicht dulden. Dabei hebt doch keiner so gut wie er schwere Gewichte, wie die Bibel. Und keiner rennt schneller weg als er. Sei es in einen Bunker, den niemand seit dem 11.9.2001 benutzt hat oder sei es vor einem Experten.

Und dieses Rot in der Amerikanischen Flagge. Das kann er auch nicht einfach so durchgehen lassen. Die Farbe der Kommunisten! Welch Schande. Nein, ein streifiges Orange ist viel angemessener. Die beste Farbe der Welt! Make Orange great again! Die neue Farbe für die Hausfassade ist doch eben erst bestellt. Und die Holländer haben auch noch immer nicht auf sein fantastisches Angebot reagiert: die Niederlande gegen Alaska einzutauschen. Nein, jetzt ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um auszuziehen. Am Ende wollen sie ihm womöglich auch noch die Airforce One wegnehmen. Wie soll er dann in die Kirche auf der anderen Straßenseite gelangen? Möge ihm der Allmächtige beistehen: „der beste Präsident, den Gott je geschaffen hat“.




Tierisch.

Tierisch Tierliebe Einhorn betrunkener

Es gibt Menschen, die haben einen Vogel. Sie sind ein wenig schrill, tragen ein spezielles Federkleid und sind vielleicht etwas ungepflegt. In jedem Fall sind sie anders als andere Menschen. Was wiederum eine Leistung darstellt, ist die Menschheit doch eigentlich eh ein Schwarm komischer Käuze. Um hier herauszustechen, muss man beinahe ein sprechender Papagei sein. Oder ein betrunkenes Einhorn.

Tierisch Tierliebe Einhorn betrunkener
Wer es tragen kann? Eine Säule.

Da sich diese Menschen, die einen Vogel haben, manchmal schwer im Umgang mit ihren Artgenossen tun, suchen sie anderweitigen Anschluss. Manchmal an tragenden Säulen und festes Gemäuer. Manchmal an World of Warcraft Figuren. Doch am häufigsten werden sie fündig in der Zoohandlung. Alle 11 Minuten verliebt sich dort ein zotteliger Primat tierisch in ein sprachloses Lebewesen und nimmt es fortan mit. Überallhin mit.

Tierisch Tierliebe Papagei dabei
Ein Papadabei.

Wirklich überall mit hin. Ins Cafè, in den Park oder ins Kino. Was ist auch gegen ein bisschen mausernde Zweisamkeit bei einer schönen Cowmance einzuwenden? Andere Partner, die sich ankeifen, anfauchen oder anstinken, werden ja auch im öffentlichen Raum geduldet. Das leise Trippeln und die paar nonverbalen Auswürfe einer Schildkröte sind dagegen doch eine Wohltat.

Tierisch Tierliebe Schildkröte
Langsamer Verkehr.

Und so besteht der menschliche Lebensinhalt sodann darin, ihm jeden Lebenstraum zu erfüllen, dem gefräßigen Freund. Sei es ein Besuch im Zoo, wo man gemeinsam den Bund der Gefangenschaft feiert. Oder man schenkt ihm ein menschliches Halsband, als Zeichen der Verbundenheit.

Tierisch Tierliebe Bernsteinketten für Hunde
Frauchens Halsband.

Und so sind die komischen Vögel und die normalen Vögel auf ewig verbunden. Bis dass der Tod sie scheidet. Und darüber hinaus…gestopft.

Tierisch Tierliebe Ausgestopft




Ausgesorgt.

Man möge sich vorstellen, Deutschland wäre Italien. Wenn wir nicht gerade Pizzen mit Sauerbraten belegen, Audis in der Größe und Farbe einer Dose Tomaten produzieren und Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger aneinander gedrückt ausdrucksvoll an die Stirn führen würden, dann würden wir an diesem sonnigen Wochenende vermutliches eines tun: in Autokorsos durch die Straßen fahren und unserer Freunde durch das wiederholte Betätigen eines akustischen Signalgebers Ausdruck verleihen. Wir würden ein krisenresistentes Gesundheitssystem, einen soliden Staatshaushalt und vernünftig agierende Politiker behupen und bejubeln, „fantastico!“ Wir würden Laternenpfähle umarmen, weil wir nicht wüssten, wohin mit all unserer elektrisierenden Liebe und strahlenden Emotionalität.

Doch wir sind nicht Italien. Wir sind Deutschland, das Land der sachlichen Feststellungen und Schwimmverbote für Abwasserkanäle. Das Land, in dem die Frage „Wie gehts“ mit einem lebensbejahenden „Muss ja“ beantwortet wird. Das Land, in dem das Glas nicht nur halb leer ist, sondern morgen sicher ganz leer, verkalkt, rissig und abgestanden. Wenn es uns nicht eh irgendjemand vorher schon wegnimmt. Deutschland scheint nicht an Dänemark zu grenzen, sondern an Dantes Höllenkreise. Denn irgendwas ist ja immer. Sei es die Lockerungen zu spät, die zweite Welle zu gewiss, der Sommer zu trocken, die Windräder zu laut, die Erdbeeren zu teuer und die RTL-Moderatoren zu billig.

Das Glas ist immer halb voll – mit Sorgen. Voll mit Sorgen, darüber, dass uns jemand das nimmt, worüber wir uns so viele Sorgen machen. Und dann hätten wir ja nichts mehr, worüber wir uns Sorgen machen könnten. Doch vor lauter Sorgen darüber, etwas zu verlieren, wachsen wir langsam aus den Rollschuhen heraus, die mit weißen Rollen noch immer in unserem Schrank stehen. Wir haben Angst unpünktlich zu sein – und verpassen doch alles. Und so sind das, was in Deutschland laut ist, türkische Hochzeiten und italienische Siege bei irgendwelchen Ballsportereignissen.

Dabei  beneidet uns vermutlich ein Großteil der Erdbevölkerung um den Zustand des Landes, in dem wir leben. Und was machen wir? Wir machen uns Sorgen, was sonst. Sorgen, um die Kosten leerer Krankenhausbetten, die Länge der Sommerferien und die Wahrscheinlichkeit eines bayrischen Kanzlers. Denn „Vorsorge“ ist schließlich alles.

Dabei ist Sorge doch eigentlich Angst vor Problemen, die man nicht hat. Ganz so, als würde man sich über sein neues privates Langstreckenflugzeug freuen, nur weil man einen Lottoschein ausgefüllt hat, sorgen wir uns um Dinge, die vermutlich niemals eintreten werden. Was hält uns – abgesehen von unserem mürrischen Erbgut und den gerunzelten Stirnfalten – also davon ab, ein bisschen weniger sorgenvoll auf das zu blicken, was man gemeinhin irdisches Dasein nennt? Nur weil man Dinge auf sich zukommen lässt, ist man schließlich nicht direkt gleichgültig. Nur weil man nicht vom Schlechtesten ausgeht, ist man nicht peinlich naiv. Nur weil man sich über etwas Schönes freut, wird man nicht direkt mit einem Meteoritenschauer im eigenen Vorgarten oder einer Pandemie apokalyptischen Ausmaßes gestraft. Man bekommt höchstens ein paar Lachfalten und steckt andere damit an. Mit Zuversicht, Gelassenheit und Dankbarkeit hat man doch eigentlich ganz gut ausgesorgt.

Ob es der Dalai Lama oder der eigene Menschenverstand erdacht hat, sei dahingestellt, aber eine sehr einfache und doch tiefgründige Weisheit könnte helfen auf dem Weg der Erleichterung: „Kannst du die Dinge ändern, dann mach dir keine Sorgen. Kannst du die Dinge nicht ändern, dann mach dir keine Sorgen.“ Merkste selber, ne?




Dösenantrieb.

Dösen Schlafen Mittagsschlaf Nickerchen

Welch fahrlässige Dösung. Die Sonne scheint. Hell und freundlich lacht der schöne Tag durch das Fenster. Und man liegt auf der Couch. Verkrochen unter einer Decke, bedeckt mit halbgeöffneten Augenlidern. Die Gedanken plätschern sanft vor sich hin anstatt zu scheppern. Nichts treibt einen an oder um – außer der eigene Dösenantrieb. Die Superkraft des Entspannens.

Wie eine Mittsommernacht dämmert man dahin. Ob man in den dunklen Schlaf findet oder in schummriger Ruhe verweilt, bleibt ungewiss. Das ist die einzige Spannung der Entspannung, die Frage nach der Dösierung: Bleibe ich wach oder schlafe ich doch kurz ein? Dabei ist die Antwort gänzlich egal. Der Ausgang des Dösens lässt sich nicht steuern oder planen. Der Schlaf des Dösers ist wie der Sommer: ob er wirklich kommt und wie lange er bei uns bleibt, ist ungewiss (und meist geht er mit langen Nächten einher). In der Dämmerung des Geistes reduzieren sich die Gedanken. Doch anders als beim nächtlichen Zubettgehen halten sie den Döser nicht von etwas ab und rauben ihm den Schlaf, sondern sie massieren sanft seine Denkmuskeln. Der ruhige, gleichmäßige Atem, der einen dabei begleitet, ist wie die 9. Sinfonie – von Betthoven. Alles reduziert sich auf das Wesentliche: Decke und Kissen.

In anderen Kulturen wird der Magie des Dösens gehuldigt. Geschäfte schließen am helllichten Tag. Die Betriebsamkeit wird gedrosselt. Der eigene Lauf durch den Tag unterbrochen. Siesta, welch eine Fiesta. Sobald die Sonne hoch steht, legen sich alle anderen tief hernieder. Und wir? Uns bleibt das Nickerchen im Bürostuhl oder die Pause ohne Plauderei meist verwehrt. Dabei besitzt beinahe ein jeder diese Superkraft. Ob im Sog des Düsenantriebes eines Flugzeugs oder als Beischläfer im Auto, ob auf den Bücherstapeln der Bibliothek oder der Sitzbank eines ratternden Zuges, wer erlag ihm noch nie? Dem Dösenantrieb. Warum sollte man also jenen übermächtigen Kräften nicht nachgeben und sich an einem gewöhnlichen Montagmittag ein kleine Portion Dösenravioli aufmachen?

Bis zu jenem Moment, an dem man erwacht, nicht weiß, wo man sich befindet (ob in Döseldorf oder Dösburg), wie spät es ist und sich fragt, ob man wirklich geschlafen hat. Ganz so, als würde man niesen und sich dabei fragen, ob die Nase juckte. Für einen kurzen Augenblick der Unklarheit ist alles wundersam egal. Dann beginnt man sich zu bewegen, den Motor langsam zu starten und den schönen Tag, der noch immer hell und freundlich durch das Fenster lacht, erneut zu grüßen. Der Dösenantrieb wird langsam gedrosselt und mit neuer Energie düst man voran. Denn Opfer einer Überdösis möchte man schließlich nicht werden. Das wäre dös Wahnsinns.




Einen am Helm haben.

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Verschwörungstheorien werden gemeinhin belächelt oder direkt bei Rewe ausgelistet. Zu Recht. Sind sie doch völliger alubehelmter Humbug. Diese Verschwörungsfiktionen basierend auf absonderlichen Kausalitätsketten wirken, als habe man sie mit einem Gebetswürfel erknobelt und rückwärts gesungenen Liedtexten von Xavier Naidoo an den Haaren herbeigesungen. Doch vor allem sind sie eines: falsch. Einfach nur offensichtlich falsch. So offensichtlich wie Kondensstreifen. Wenn sich die New World Order durch Billy Gates` Kontobewegungen und ein paar YouTube-Videos einfach erklären ließe, dann wäre doch schon längst Winnie the Pooh neuer Weltenbärherrscher.

Nein, die Sache ist komplizierter. Verworrener. Und noch gefährlicher als gedacht. Winnie the Pooh `s Plan ist weitaus brillianter als es ein paar Microchips unter der Haut sein können. Winnie the Pooh `s Plan sieht die Ausrottung der Menschheit vor. Durch einen Virus. Warum? Weil wir Winnie das rauben, was er zum Leben braucht: Bienen. Bienen für seinen Honig. Winnie the Pooh lässt die Menschheit einsperren und ausrotten, um das menschenverursachte Bienensterben zu stoppen.

Bei der Verbreitung der tödlichen Viren helfen ihm Sekten: die Insekten. Und natürlich Bill Gates. Die Hinweise sind eindeutig: was war jahrelang der prominente Desktophintergrund eines jeden Computers? Richtig, eine Blumenwiese. Kann das Zufall sein? Nein. Ebenso wenig, wie der Firmenname bzw. das Logo von Windows – ein offenes Fenster, durch das Insekten in jeden Haushalt geschleust werden – nicht zufällig gewählt sein kann. Insbesondere der Geheimbund „I-Ah“, der sich als kuscheliger Esel tarnt und eng mit Winnie the Pooh (s.o.) in Verbindung steht, unterwandert unsere Gesellschaft, in dem er sich für den „Naturschutz“ einsetzt. Doch der niedliche Esel ist in Wahrheit ein blutrünstiges Raubtier: I-Ah bedeutet rückwärts gelesen schließlich Hai. Kann das Zufall sein? Wir kennen die Antwort.

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Und was tut die Bundesregierung, um all dies zu verhindern? Nichts. Denn sie ist längst Teil des Systems geworden und gaukelt uns seit Jahren etwas von Sicherheit und „Impfschutz“ vor. Eine Impfung ist am Ende nichts anderes als ein Stich – ein Stich eines als Spritze getarnten Insekts!!!1! Der Beweis hierfür: die gemeinhin als „Raute“ bekannte Handhaltung unseres Regierungsoberhauptes ist am Ende nichts anderes als eine angedeutete Bienenwabe, das Erkennungszeichen der „Ilubieneti“. Und schon unseren Kindern werden von der Lügenpresse vereinnahmen: ihnen wird die natürlich angeborene Angst vor Insekten genommen durch niedliche Geschichten, beispielsweise von der Biene Maja. Dabei heißt Maja rückwärts geschrieben auf Arabisch: Nicht-Araber. Und wer sind wohl die bekanntesten Nicht-Araber? Richtig, Juden. Mehr muss nicht gesagt werden. Außer dass Corona rückwärts geschrieben auf Rumänisch „viel Glück“ bedeutet.

Kann The New Pooh Order überhaupt noch aufgehalten werden? Machen wir uns nichts vor: sie sind bereits überall – hinaus geschwärmt auf dieser Welt. Doch kann man sich mit einfachen Mitteln schützen. Zum einen durch das Tragen angemessener Schutzkleidung, insbesondere ein Imkerhut ist hier ratsam. Zudem hilft es, nur noch rückwärts zu sprechen und Blumen und andere „Flower Power“ zu meiden. Doch machen wir uns nichts vor: es wird kein Honigschlecken. Nur diejenigen, die einen an der Klatsche haben, werden am Ende noch zu retten sein.




Öffnungszeiten.

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Immer schön locker bleiben. Und wer es nicht ist, möge es schnell werden. Allen voran gilt dies für verspannte Ministerpräsidenten mit Geltungsbedürfnis und Oppositionspolitiker, die merken, dass sie weniger systemrelevant sind als gemeinhin gedacht. Getreu dem Motto „was interessiert mich mein Geschwätz von heute Morgen“ gibt man sich daher plötzlich so locker, wie die Maske im Gesicht hängt. Gemeinschaftliches Vorgehen sei natürlich wichtig, aber wenn die anderen dem eigenen Vorgehen nicht folgen möchten, dann geht das eben nicht. Ist ja logisch. Mit den gegenseitigen, unmaskierten Schuldzuweisungen kehrt somit ein Stück Normalität in das politische Deutschland zurück. Und das ist den Bürgern doch so wichtig. Wie beruhigend.

Und so scheint jedes Bundesland zwar kein Desinfektionsmittel, aber die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ein jedes sucht sich einen Wochentag im Mai und mindestens einen kleinen Coup aus, den es von anderen, ach so unlockeren Bundesländern unterscheidet. Dabei scheint die Regel zu greifen: je kleiner das Bundesland, desto größer ist die Kreativität bei der Ausgestaltung von Lockerungsübungen. Das drollige Rheinland-Pfalz hat sich zum Beispiel überlegt, Campingplätze zu öffnen. Also nur für Dauercamper. Und nur wenn sie eigene Sanitäreinrichtungen bei sich führen. Wenn sie also mit einer Anhängerkupplung ihre Zahnzwischenräume reinigen ab nach, na in diese eine Stadt in Rheinland-Pfalz. Dabei ist doch, wenn man ehrlich ist, ganz Rheinland-Pfalz ein Dauercampingplatz. Wirklich wohnen möchte man da doch eh nicht.

Das vermeintliche „Dunkeldeutschland“ geht ähnlich lichtundurchlässig vor: in Sachsen-Anhalt dürfen ab nächster Woche Ferienhäuser und -wohnungen vermietet werden. Aber nur an Einheimische. Corona verursacht nicht nur Probleme beim lockeren Atmen, sondern auch beim knotenfreien Denken.

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In Hamburg scheint man die Sache aber sauber durchdacht zu haben. Man holt nur die besten, leistungswilligsten Schüler zurück in die Schulen, also diejenigen, die eine anspruchsvolle Denksportaufgabe lösen können: „So werden in der Woche ab dem 27. April die Klassenstufen 9, 10 und 13 der Stadtteilschule, 10 und 12 der Gymnasien, 9 und 10 der Regionalen Bildungs- und Beratungszentren sowie die Abschlussklassen der Berufsbildenden Schulen erste Präsenzangebote zur Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen bekommen. Eine Woche später beginnen die Unterrichtsangebote für die Klassenstufe 4 der Grundschule, die Klassenstufen 6 und 11 der Gymnasien sowie die Klassenstufe 12 der Stadtteilschulen.“ (Quelle: https://www.hamburg.de/bsb/13862594/2020-04-17-bsb-schuloeffnung/). Wer die Frage beantworten kann, ob und wann er wieder in die Schule gehen darf, der darf in die Schule gehen.

Es sei denn, er war kürzlich in einem Geschäft mit mehr als 800qm Fläche und hat sich dort die Augenbrauen zupfen lassen. Das ist verboten. Getrimmtes Haupthaar ist systemrelevant, aber Augenbrauenbewuchs ist ein Hygienefaktor. Denn wenn man in seine Maske hustet, verfängt sich alles (Viren, Virologen, Vanillamilchshakes) natürlich als erstes in dichter Augenbrauenbeborstung. Um sich seiner Gesichtsbehaarung zu entledigen, muss man sich demnach im Gesicht tätowieren lassen, denn hierbei wird die zu gestaltende Fläche vorab gründlich rasiert. Als Motiv eignet sich beispielsweise ein Mundschutz. Oder man versucht sein Glück in einem Hundesalon. Die sind in den meisten Bundesländern wieder geöffnet. Menschenkörpernahe Dienstleistungen werden jedenfalls weiterhin stark reglementiert, also Brauenzupfen und Bordellbesuche. Da ist das mit den 1,5m auch.. ach egal. Jedenfalls ist der Hundesalon vielleicht eh die bessere Wahl: Friseuren mit maskiertem Sichtfeld, welche seit zwei Monaten damit beschäftigt waren, ihre Hecken zu schneiden, sollte man vielleicht nicht allzu unmittelbar ans Haupthaar lassen. Wer ohnehin kein Haupthaar mehr besitzt, darf sich in Berlin zu Wasser von den Strapazen erholen: Schifffahrten mit offenem Verdeck sind hier wieder erlaubt.

Doch immerhin die Frage der Kinderbetreuung scheint endlich eindeutig geregelt: Ikea macht wieder auf. Welch Erleichterung. Bald darf man sogar wieder diese leckeren Hackbällchen aus aussortierten Holzdübeln verspeisen. Wenn man öffentliche Verkehrsmittel meiden möchte, dann empfiehlt es sich einfach, den Führerschein noch einmal zu machen und sich von A nach B zu fahren. Oder man fährt in Nordrhein-Westfalen einfach ein bisschen Achterbahn. Dabei hat man meistens auch nicht das Gefühl, in der gleichen Ausgangslage wieder auszusteigen. Und irgendwie hat man dieses Gefühl des freien Falls so lieb gewonnen wie den Söder, Markus aus Bayern. Mit seiner Karokatur im Gesicht.

Neben kontaktarmem Sport, wie schreiend Weglaufen oder Einkaufswagenrennen, wird nun jedoch vor allem eines empfohlen: um die gebeutelten Staatskassen zu füllen picknicken sie bitte im Park. Das bringt 250€ pro Anwesendem in die leeren Kassen und den Blutdruck nach der kontaktarmen Unsportlichkeit wieder etwas in Schwung. Über Geisterspiele von 22 Millionären kann man sich schließlich nicht ewig aufregen.

Beachten Sie vor allen Dingen etwaige neue Regelungen und Verbote, die so plötzlich kommen können wie Corona selbst. Die zweite Welle kommt so gewiss wie Verschwörungstheoretiker derzeit an ihrer (V)Erklärung arbeiten. Eine Vielzahl an Lebensbereichen wird erst noch von der Wucht der Sicherheits- und Hygienekonzepte erfasst werden. Es ist beispielsweise damit zu rechnen, dass in Betriebsrestaurants nur eine angemessene Anzahl an Sättigungsbeilagen zugelassen sein wird. Ebenso dürfen Erbsen und Möhren sich nicht mehr berühren (der Schellenaffe bereitet eine Petition für die Staatsrettung von Mischkonservenherstellern vor). In Kindertagesstätten ist zu erwarten, dass nur noch Kinder zusammen spielen dürfen, deren Vornamen die gleiche Anzahl an Buchstaben aufweist. Tom und Ben dürfen also miteinander spielen. Tom und Jerry nicht. Ben und Jerry ebenfalls nicht. In Clubs und Discotheken wird es durch Insolvenzanträge abgesteckte, 1,5m mal 1,5m große Tanzbereiche geben, die man sich für einen Abend mieten kann. Die Getränkeversorgung findet steril und effizient per Bierdusche statt. Und wenn schließlich bei Vollmond der kleine Bär 1,5m vom großen Wagen entfernt ist, dann öffnet sich irgendwann etwas: die Augen und man denkt „schön locker bleiben bei dem Theater“. Doch leider darf man nur in Schleswig-Holstein bei diesem Theater mitspielen: hier sind Theaterproben wieder erlaubt. Ab dem 18. Mai. Ein Montag. Wenn das kein Grund zum lockeren Scheppern ist.




Zeit der Entsorgung.

Ausmisten aufräumen wegwerfen entsorgen

Schon klar. Man sollte den Gürtel jetzt mal enger schnallen. Sofern man es denn noch kann (siehe Fett isoliert.) und nicht doch schon bereits die Tragweite und Festigkeit seines neuen Arbeitsplatzes angenommen hat („Du siehst aus wie ein Ohrensessel.“). Dann sollte man eben die Spanngurte mal enger schnallen. Doch bei der Suche nach der richtigen Befriedung der eigenen Fettreserven stellt man fest: ich besitze mehr Gürtel als tragbare Hosen. Beklemmt schließt man die Schublade und mit ihr die Augen vor dieser bitteren Erkenntnis.

Dann ist jetzt eben die Zeit des Aufsparens. Vorbei die Verschwendungssucht sprunghafter Heuschrecken, lang lebe die ameisenartige Vorratshaltung. Und so begibt man sich auf die Suche nach passenden Behältnissen für das Aufsparen von kalten Nudeln und stellt fest: ich besitze mehr Deckel als Dosen. Und bei genauerem Hinsehen stellt man fest: ich besitze Deckel und Dosen, aber keine Deckel für die Dosen. Man verschließt den Vorrat in einem Gefrierbeutel und den Blick für den Flüchtigkeitsfehler im eigenen Küchenschrank.

Mit geschlossenen Augen geht man in den Keller, um den Reisekoffer in Kurzarbeit zu schicken und stellt mit einem Bein im Christbaumständer stehend fest: es ist kein Platz mehr frei. Für einen Handgepäckkoffer oder eine Christbaumkugel. Und so ist sie langsam da, die Erkenntnis nach Wochen des im eigenen Leben lebens: ich muss mein Leben ausmisten. Oder zumindest meine Schränke. So ein Mist. Man beginnt zunächst mit dem Aufräumen des Naheliegenden und greift beherzt in die eignen Hosentaschen. Ein benutztes Taschentuch und Klumpen Etwas landen im Müll, das Zehncentstück im Portmonee. Als echter Gewinner geht man vom Platz und nimmt zunächst erst einmal wieder Platz.

Bis zu jenem Moment, da man beim Wäscheaufhängen feststellt, dass man erneut dieses besondere Paar Socken mit den Notausgängen für Zehen gewaschen hat. Anstatt sie nun also auch noch sauber defekt wieder in den Schrank zu räumen, schmeißt man sie fort. Und stellt fest, dass die Tränen und der Schmerz ausbleiben. So fasst man Mut und öffnet beherzt das Tor in die Vergangenheit: diese eine Seite des Kleiderschranks, die man nie öffnet. Man öffnet sie und sieht Schweinsteiger. Schwarz, rot, vergilbt liegt dort sein Trikot. Man googelt das Ende seiner Karriere im Profifußball und legt das Relikt ins Abseits: in die bereit stehende Mülltüte. Beim anschließenden Durchsehen alter, zerschlissener Hosen, die man ja mal fürs Malen gebrauchen kann, stellt man fest, dass man sein Maleroutfit mit jeder Wand, die man seit Jahren nicht gestrichen hat und auch nicht streichen wird, wechseln könnte. Man malt sich aus, was man beim Kauf des kleinkarierten Pullovers wohl einmal beabsichtigt hat. Irgendwie ist man sowohl modisch als auch körperlich inzwischen dem Stück entwachsen. Die Überlegungen über die Frage, ob Erwachsene weiter wachsen, werden unterbrochen von einem Trauermarsch: eine schweigende Trauerfeier für das Ende des Lieblingsshirts, das die D-Mark und Helmut Kohl noch miterlebt hat. Helmut, der Handgepäckskoffer und eine kleine Kita würden in dem ausgeleierten Überwurf inzwischen Platz finden. Wahre Ikonen wachsen eben über sich hinaus. Am Ende verschließt man die drei prall gefüllten Säcke ausgeleierter Geschmacklosigkeiten mit den aussortierten Gürteln.

Ausmisten aufräumen wegwerfen entsorgen

So langsam kommt man in Schwung und macht gleich in der Küche weiter. Dort entdeckt man Lebensmittel, die mit Schweinsteiger gemeinsam abgelaufen sind. Alles was von PETA-Aktivisten nicht mit Farbbomben angegriffen würde (also keinen Pelz trägt), darf bleiben. Gehen hingegen müssen die Töpfe, die keinen Deckel finden, und Gläser, denen der Durchblick fehlt. Werbegeschenke, die nutzloser als Werbung sind. Alles eben, was unterste Schublade ist.

Im Wohnzimmer sortiert man die Reiseführer aus, die schon vor zehn Jahren keine „echten Insidertipps“ enthielten. Gefolgt von den Gesellschaftsspielen, bei denen man auf Seite fünf des Regelwerks noch jedes Mal zu Wein übergegangen ist. Jedem Winkel, jedem Gegenstand, jedem Lebewesen der eigenen Wohnung wird die Sinnfrage gestellt: warum bist du hier? Doch mit der wachsenden Mülldeponie im kleinen Hausflur stellt der Müll eine Gegenfrage: wohin mit mir?

Ausmisten aufräumen wegwerfen entsorgen

Man überlegt kurz, ob man die hohe Spaziergänger-Frequenz vor der Haustür ausnutzen und seine großzügigen Gaben vor der Haustür „outsourcen“ soll. Doch befürchtet man, dass man beim Aufbauen mit den „echten Liebhaberstücke“ gesehen werden könnte. Was so peinlich wäre, wie alles was man jenseits der Jahrtausendwende am Leib getragen hat. Daher tut man das, was man schon immer in dieser Situation tat. Getreu dem Motto „Schön, dass du da bist. Und nicht mehr hier.“ bringt man seine Habseligkeiten auf den höchsten aller Hausmisthaufen: auf den „Möge-der Müll-sich-erhängen-Boden“, wo irgendwann Taubenkot das Problem korrodieren möge.




Ausnahmeregel.

Ausnahmeregel Corona Schellenaffe Maske Maskenpflicht Winnie the Pooh

Selten seltsam ist die Lage. Verwirrend und widersprüchlich. Diese Welt voller Ausnahmeregeln. Mal möchte man sich unter einer Schlafbrille verkriechen und warten, bis einen jemand kontaktlos kneift. Dann möchte man als eingefleischter Vegetarier den Wurstsalat einpacken und sich gemeinschaftlich in der Sonne im Park halbgar brutzeln. Kein Grund zur Trauerfeier, irgendwie kriegen wir das schon hin, Winnie, alter Knabe.

Und dann wacht man auf aus seinem Wachtraum. Die Schlafbrille ist verrutscht und man bestellt in seinen altmodischen Mundschutz nuschelnd zwei Brötchen beim Bäcker. Man liest die Nachrichten und kratzt sich am Kopf, in dem Wurstsalat herrscht. Maske oder Schal, Montag oder Mittwoch, Einkaufen oder Nahverkehr, Kinder oder Erwachsene? Das Vermummungsverbot wird zum willkürlichen Gebot. Blitzesschnelle biegt es langsam um die Ecke. Die Geschwindigkeit bestimmt dabei die eigene Postleitzahl dividiert durch die Summe einer Doppelhaushälfte. Man möchte den Handschuh hinwerfen und fragt sich, wer bei all dem negativen Wachstum die Entschuldungskredite für Lippenstifthersteller  eigentlich bezahlen soll. Was einmal nutzlos wie Gefrierbrand war, wird auf einmal zur freiwilligen Pflicht. Ja, ne, ist klar. Einleuchtend wie neongraues Schwarzlicht. Man blättert das dummschlaue Hörbuch der Neuigkeiten um und spürt die Hassliebe zu diesem neuen Leben. Bittersüß, wie das Fruchtfleisch eines Granatapfels, schmeckt dieses wurstige Dasein aus hüllenlosem Stubenarrest und maskiertem Freigang. Auf seinen Laufwegen umkreist man Menschen und vollzieht dabei die Quadratur des Kreises. Dabei möchte man doch endlich wieder das Leben und seine Protagonisten umarmen. Alles erscheint unbegreiflich und unfassbar.

Doch in der Selbsthilfegruppe mit einem Anteilnehmer stellt man sodann fest: der eigene vorsichtige Optimismus stand kurzzeitig herum wie ein herrenloses Damenrad am Busbahnhof. Das leise Scheppern, das den Takt vorgibt, war betäubend leise. „Dunkel war`s, der Mond schien helle.“ Und man fühlt sich wie ein Oxymoron. Oder einfach nur wie ein oxidierender moron. Sprachlos schreibend. Doch das wird nicht zur Einzelfallregel. Denn vorsichtiger Pessimismus ist doch einfach nur: vegetarischer Fleischkäse. Und so zieht man sich maskiert einfach nur ein bisschen wärmer an – für alles, was da kommt. Kein Grund süßsauer zu werden.




Fett isoliert.

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Die Angst grassiert. Überall schleicht sie sich in Wohnungen. Sie kriecht durch Ritzen und Spalten. Durch Nähte und Stoffe. Sie sitzt mit am Abendbrottisch, liegt auf der Couch und duscht mit. Unbemerkt und ignoriert möge sie bitte verschwinden. Doch schleichend wird die Angst sichtbar und real. In der Reflexion der Plexiglasscheibe an der Supermarktkasse. Im unter dem Mundschutz starren Blick der Frau beim Bäcker. Im Badezimmerspiegel. Gewiss. Jetzt hat es einen auch erwischt. Die ersten Symptome sind da. Der Körper fühlt sich anders an. Fertig sieht man aus. Fertig für die Notschlachtung. Man hat es auch.

Dieses Fett.

Schwabbelig wattierend verschleiert es den vormals athletisch austrainierten Körper. Wo man früher an der Schwelle zur Übertrainierung stand und seinen PKW am liebsten zur Arbeit trug, gerät nun der Stretchanteil der Hose an die Grenzen des Tragbaren. Wo sich ganze Staaten Sorgen um finanzielle Polster machen, sorgt man sich um die eigenen Polster. Darum, dass sie das Format der eigenen Polstermöbel annehmen. Darum, dass der Moment eintreten könnte, an dem man nicht mehr in der Sofaritze nach der Fernbedienung sucht, sondern, nunja, an anderen dunklen Orten. Und einem definierten Doppelkinn zum Beispiel.

Der Blick auf den eigenen Körper oder auf das, was von ihm übrig ist, macht einem klar: man hat in letzter Zeit seine Kaumuskeln und seine Geduld trainiert. Nicht mehr, nicht weniger. Man beginnt an der naiven Hoffnung zu zweifeln, dass der neue Alltag aus Immobilität, Snacks und noch mehr Snacks als „Die ISS-Diät“ seinen Weg in die nächste Ausgabe der Brigitte finden wird.

Und so sieht man dem Bauchspeck in die Augen: „Seit vier Wochen lebe ich im Shutdown. Ich war seit fünf Monaten nicht beim Sport.“ Man sollte etwas tun. Das „Etwas“ besteht zunächst daraus, das man im Keller seine alte Isomatte, die bei der letzten Klassenfahrt 1996 zum Einsatz kam, sucht. Treppensteigen ist motorisch immerhin noch möglich, stellt man erleichtert fest. Man erinnert sich jedoch daran, dass die Matte dem Lagerfeuer damals etwas zu nah kam und bestellt daher zunächst ein neues sportliches Modell im Internet. „Aufgrund der erhöhten Nachfrage kann es zu Lieferverzögerungen kommen“ und man atmet unverzüglich erleichtert durch. Viel geschafft heute.

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Doch dann ist das Morgen da, vor dem einem graute. Die Matte ist da. Der Bauchspeck auch. Das Internet ist stabil. Anders als die allgemeine Muskelspannung. Neben allgemeiner körperlicher Fitness fehlt nun also die Ausrede, nicht an der allgemeinen körperlichen Fettness zu arbeiten. Man beginnt ausgiebig zu googeln. Und beschließt, das Bootcamp für morgen aufzuheben und mit etwas Yoga zu beginnen. Ein Überwesen, das weder schwitzt, noch atmet oder die Stirn runzelt, leitet aus der Ferne die fremden Massen in ihren Wohnzimmern an. Es sitzt am Pool dessen, was wie eine mallorquinische Villa aussieht, und trinkt im Kopfstand Tee, während man sich im Schatten des Fettgewächses versucht, sich an Links, Rechts und den Begriff der Würde zu erinnern. Dabei wird man vom Staub unter dem Sofa abgelenkt. Die eigene Muskulatur ist so verkürzt wie das Video, das man beginnt vorzuspulen. Bis hin zur Endentspannung, die „der wichtige Abschluss einer jeden Yoga-Praxis sein sollte“. Die Mediation wird unterbrochen vom leisen Schnarchen des Pandemie-Partners, der auf Couch „tief in sich ruht“.

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Anstatt am nächsten Morgen geschmeidig wie eine Katze dem Bett zu entgleiten, zieht man das rechte Bein nach. Oder ist es das linke? Man gönnt dem Körper heute Ruhe. Regeneration ist wichtig. Da man beim Kauf der überteuerten Matte wenigstens die Versandkosten sparen wollte, kaufte man direkt das empfohlene Produkt dazu: eine Blackroll für die Faszien. Man weiß nicht, was Faszien sind, aber im Frühling ist Blumenpflege ja immer eine gute Idee. Man entpackt den Kauf und beginnt mit dem „Training“ für blühende Faszien. Was aussieht wie eine kleine Planierwalze, fühlt sich auch exakt so an. Nur mit dem Unterschied, dass man über sie, und nicht sie über einen rollt. Aber dieses Detail vergisst man ohnehin recht schnell, ebenso wie das Gefühl für oben und unten und den Wunsch weiterzuleben. Während man sein Gesäß über die riesige Lakritzrolle wälzt, beobachtet man „faszieniert“, wie der Pandemie-Partner Lakritze planiert, also dem Erdboden gleich macht.

Am nächsten Morgen ist der Körper in Balance. Er humpelt beidseitig. So geschwächt kann man nicht mehr weglaufen vor den Nachrichten, Aufrufen und Einladungen, die einen dazu auffordern, an einem der zahllosen Live-Trainings arbeitsloser Fitnessanstalten teilzunehmen. Live-Streamen solle der Schweiß. Da es kaum etwas Schöneres gibt als anderen bei der Arbeit zuzuschauen, schaltet man sich der Videokonferenz zu. Und blickt in fremde Wohnzimmer fremder Menschen. Man überlegt, ob man „Biene87“ nach dem Namen ihres Ecksofas fragen soll, da unterbricht der Heimtrainer gut gelaunt „Lasst sie brennen, die Polster! Woho!“. Da man nicht weiß, ob man die eigene Kamera wirklich ausgeschaltet hat, beginnt man den Anweisungen des Trainers Folge zu leisten. Man robbt, rollt, hüpft, hangelt und transpiriert durch diverse Staubschichten der eigenen Lebenswirklichkeit. Da die Internetverbindung wackelt wie der Kronleuchter in der Wohnung unter der eigenen, wird die Halteposition zum Exorzismus. Der Pandemie-Partner liegt derweil auf der Couch und isst Speisereste von seinem Oberkörper, während man in der Liegestützposition schnauft. Er ist quasi Liegestütze. Um die Deckenverputzung des Nachbarn nicht zu überstrapazieren, macht man sich schließlich auf dem Balkon zum Hampelmann. Bis die Kinder aus der Nachbarschaft auf der Wiese fragen, was die Frau da oben macht. Für die Öffnung von Schulen und Kitas beten, wonach sieht das sonst aus?

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Am nächsten Morgen tritt man in Scherben, die einmal die eigenen Knochen waren und stolpert über seine eigenen Beine. Gott sei Dank landet man weich – auf seiner Fatroll. Dabei stellt man fest, dass man unter dem Bett auch mal wieder Staub wischen könnte. Und hofft, das Spazierengehen doch olympisch werden möge. Oder Staubwischen. Oder Liegenbleiben.