Schaf, Kindlein, Schaf.

Schaf Kindlein Schaf Einschlafen Schlafen Schäfchen zählen

Dieses kleine, flauschige Äffchen im Kopf, es kennt ja wirklich keine Pause. Nicht mal hier im Bett ist es still. Leise klappert es auch zwischen den Daunen noch dumpf vor sich hin. Hach, dabei ist das Bett ja die beste Erfindung der Menschheit. Weich, warm, friedlich liegt man sich in ihm in den Schlaf. Was kann es Magischeres geben? Dabei ist seine gänzliche Kraft bisher kaum angewendet oder untersucht worden. Wie viele Kriege wären vermeidbar, wie viele Konflikte würden sich lösen, wenn die Kontrahenten einfach im Bett liegen blieben? Ob getrennt oder direkt gemeinsam – einfach mal liegen bleiben. Für den Weltfrieden. Es ruhen die Waffen und ihre Besitzer. Soldaten würden weiche Kopfkissen und beruhigende Tees verteilen. Drohnen würden Schlaflieder surrend über Herrschersitzen kreisen. Quasi als „leere Drohnung“. Hat man als Kind eigentlich wirklich Schlaflieder gehört? Wurde einem vorgesungen? Irgendwie kann man sich daran nicht erinnern. Und sich ebenso wenig vorstellen, dass die eigenen Eltern sich selber und einem selbst das angetan haben: „Schlaf, Kindchen, schlaf“ wimmernd an der Bettkante hocken und sich fragen, wann sie das letzte Mal in einer Karaoke-Bar waren. Dann würden sie sich bestimmt erinnert haben (ist das überhaupt eine Zeitform?), dass sie noch nie in einer Karaoke-Bar waren, weil sie nicht singen können, und sich gefragt haben, ob sie ihr Kind traumatisieren mit den gewürgten Disharmonien. So wie sie selbst von einem Karaoke-Abend traumatisiert gewesen wären. Und so liegt ihr Kind dreißig Jahre später im Bett und kann nicht einschlafen, weil es sich fragt, ob jemals jemand mal „Schlaf, Kindchen, Schlaf“ in einer Karaoke-Bar gesungen hat. Es kann nicht schlafen, weil die Stimmen in seinem Kopf nicht singen, sondern einfach nur vor sich hin lallen. Wie die Stimmen in einer Karaoke-Bar eben auch. Sollten die Stimmen also vielleicht etwas singen? Nur was? „Ich bin Bettmensch/ Halb Mensch und halb Bett / Hört sich komisch an / Bin eigentlich ganz nett.“ Olli Schulz ist der Mann, der beweist, dass man auch alles werden kann, wenn man es einfach nur tut. Sänger ohne Singstimme. Moderator mit Sprachfehler. Schlafloser Traum mit Überbiss. Für schlaflose Frauen. Wow. Nein, man sollte besser irgendetwas zählen. Außer die Minuten, die man wach im Bett liegt und nicht einschlafen kann. Schafe vielleicht. Warum zählt man eigentlich Schafe? Weil sie so flauschig wie ein Kopfkissen sind? Wow, das ist fantasievoll. Dabei sehen geschorene Schafe aus wie gerupfte Hühner – auf Heroinentzug. Ungemütlich. Außerdem sind Schafe viel zu schnell. Da könnte man auch Autos auf der A3 oder Häschen zählen. Wieso heißt es eigentlich Häs-chen und nicht Häschen? Die deutsche Sprache ist auch wirklicher verkorkster als jeder Schraubverschluss. Man könnte komische deutsche Wörter zählen. Oder deutsche Städte, die wie Verben klingen? Gießen, Essen.. Essen ist ja auch so eine Stadt, über die als Rechtfertigung für ihre Existenz gesagt wird „sie hat auch schöne Ecken“. Was heißt, dass sie keine schönen Flächen hat. Essen könnte man eigentlich auch noch was. Aber direkt vor dem Schlafen – und der Schlaf steht ja wirklich unmittelbar bevor, verdammt noch mal! – etwas zu essen ist so, als würde man sich noch mal einen Drink bestellen für die Taxifahrt nach Hause. Oder als würde man sich schminken, bevor man duschen geht. Schminken ist, wenn man so darüber nachdenkt, eigentlich auch etwas sehr Bizarres. So wie Essen. Also die Stadt. Man malt, pinselt, tupft sich im Gesicht an, um besser auszusehen, ohne dass es jemand so richtig merkt. Man erschafft jeden Morgen ein Gemälde im Gesicht, mit dem Ziel, dass keiner das Gemälde erkennt, aber es für eine leere Leinwand hält, die wie ein Gemälde aussieht. Das ist sogar verworrener als die Textaufgaben damals in der Schule, die mit Authentizität irgendwie auch immer wenig zu tun hatten. Wer erfindet diese Aufgaben in Schulbüchern eigentlich? Drei Äpfel fallen vom Baum und Susi sitzt in einem Zug von München nach Hamburg mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h. Peter pflückt zehn Erdbeeren auf dem Feld. Wie viel Kartoffeln hat der Bauer im Korb? Man könnte Kartoffeln zählen. Eins, zwei, drei..wie viele Kartoffeln gab und gibt es wohl auf dieser Welt? Mehr Kartoffeln als Schafe? Mehr Kartoffeln als Kriege? Kriege, das ist ja auch ein schönes Thema zum Einschlafen. Warum schlafen Menschen überhaupt? Weil sie müde werden, darum. Und damit der Affe einfach mal Sendepause hat. Damit er einfach mal die Klappe hält.

Damit er einfach mal Denkpause hat.




Ich hasse Menschen.

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Da parkte dieses kleine, auffällige, grüne Auto. Unscheinbar, etwas in die Jahre gekommen stand es am Straßenrand. Eigentlich keines Blickes oder Blinkers würdig. Und doch stach es mir ins Auge. Und ein bisschen ins Herz. Denn auf seiner kleinen Heckscheibe klebte jenes internationale Grundgesetz, das nur einen Paragrafen kennt und keiner Übersetzung bedarf: I hate people.

Ich hasse Menschen. Irgendwas zwischen manchmal und meistens. Meistens hasse ich sie in Wartebereichen. Wenn sie wie sich wie Lemminge an die Klippe drängen, in der Hoffnung, dass ein Flugzeug schneller abhebt, wenn die Türen luftdicht mit Menschen sicher verstopft sind. Oder wenn sie sich am Ende der Rolltreppe erst einmal die Schnürsenkel binden und sich dabei andere Dinge lösen. Oder wenn sie im Straßenverkehr…da sind.

Ich hasse Menschen, die über alles nörgeln, als würden sie in den Favelas von Rio de Janeiro als blinde Müllsammler arbeiten. Die Gewitter spucken, wenn die Sonne scheint. Die groß meckern, wenn die Portionen zu groß sind. Die kein gutes Haar an der Suppe lassen. Die im Tal des Jammerns wohnen und einen bergab ziehen.

Ich hasse den Musikgeschmack der meisten Menschen. Vor allem, wenn ich ihn mit allen Sinnen spüren muss. Wenn die Musik so laut ist, dass selbst Justin Bieber einen Bass bekommt. Oder wenn die Musik so schlecht ist, dass man sich „erschlagern“ möchte. Wenn Menschen rote Pferde, Cotton Eye Joes und Antons aus Tirol singen lassen, dann hasse ich Menschen.

Am liebsten hasse ich Menschen am Morgen. Oder vielleicht hasse ich auch nur den Morgen. Aber doppelt hasst eben besser. Morgens, wenn man nur Mensch sein möchte und andere Menschen auch Mensch sind, dann hasse ich Menschen. Am Morgen.

Doch nun bin ich bösartig erwacht. Ich wurde Opfer meiner eigenen Hassliebe. Denn die Besitzerin des kleinen, grünen Autos hasste nun mal Menschen. Vor allem hasste sie jene Menschen, die ungefragt Fotos ihrer Heckscheibe machen, während sie ungesehen Menschen hassend hinter dem Steuer saß, hinter dem sie sich vor diesen Menschen geschützt fühlte. Und so sprang sie aus dem Fahrzeug und schrie den Menschen an, der da ihr Innerstes fotografierte. Dieser Mensch war ich. Und so stellte ich fest, was ich noch mehr hasse als Menschen: Menschen, die Menschen hassen.




Auf einmal.

Marmeladenbrot Intervallfasten Trendthemen Brot Marmelade

Auf einmal reden alle davon. Nicht von dem einen, von dem jeder redet und über das eigentlich schon seit Monaten niemand mehr sprechen möchte, es aber dennoch tut, weil man über nichts anderes mehr redet. Nein, die Rede ist von den anderen Dingen, über die auf einmal jeder redet, wenn es einmal nicht um das eine geht. Zum Beispiel redet man über das Intervallfasten. Geredet darüber wird derzeit viel. Machen tut es vermutlich kaum jemand. Außer darüber eben darüber reden, dass man im Grunde gesagt, einfach nicht mehr frühstückt. Das macht man. Auf einmal. Anstatt auf Kohlenhydrate, Proteine, Basilikum, Diäten – oder was auch immer der vorherige, garantierte Abnehmtipp war – zu verzichten, verzichtet man auf Marmeladenbrote. Und verzichtet nicht darauf, jedem davon zu erzählen. In immer wiederkehrenden Intervallen. Mit unterschiedlichen Menschen. Zu unterschiedlichen Zeiten. Nur nicht zum Frühstück redet man darüber, denn das isst man ja nicht mehr.

Oder man redet über ETFs. Anstatt über Riester-Renten („Ha, guter, alter Witz“) oder Eigentumswohnung („Pah, die Immobilienblase..“) redet man über ETFs. Ohne zu wissen, was es eigentlich ist, dies etfwas. Aber da jeder davon redet, muss es der Hit sein. So wie damals die Hitcoins, äh Bitcoins. Die verstand zwar niemand (war ja auch sehr kryptisch), aber die wollte auch jeder haben, bis er sie hatte und nicht wusste, was er damit machen sollte. Jedenfalls, ETFs muss man einfach haben, jetzt. Ansonsten droht Altersarmut, jetzt, zumal man viel Geld in Kryptowährungen gesteckt hat und nicht weiß, ob das Geld noch da ist. Am liebsten würde man seine Bitcoins in ETFs investieren, aber das kann man nicht. Genauso wenig, wie man auf Marmeladenbrote verzichten kann. Aber darüber redet man besser nicht. Jetzt.

Stattdessen macht man einen Baristakurs. Wegen die Umwelt und so. Denn man hat genug von der Nespressomaschine, mit der man jahrelang Geld aufgebrüht hat. What else. Das ist nicht gut für die Umwelt des eigenen Portmonees. Bei aller Durchlässigkeit erinnert man sich dann noch daran, dass Filterkaffee auch dann noch nicht schmeckt, wenn ihn der volltätowierte, bärtige Webdesigner vierundzwanzig Stunden durch einen Filter tropfen lässt und dann für vierundzwanzig Euro kalt verkauft. Pro Schluck. Und so redet man warmherzig nun über Siebträger. Denn der Siebträger im eigenen Kopf ist so vergesslich, dass er vergessen hat, wie man Kaffee kocht. Dabei weiß das doch eigentlich jeder Praktikant. Aber jetzt nicht mehr. Denn mit Wasserdruck umgehen, will gelernt sein. Mit dem Kurszertifitakt kriegt man in diesen schwierigen Zeiten wenigstens noch einen Praktikumsplatz, wenn alle Siebe reißen. Wobei wir auch beim Thema wären: nichts wird so heiß getrunken, wie es warm geredet wird.

Ach warm, diese Hitze! Unerträglich. Darum reden wir darüber jeden Sommer. Erneut. Wie warm es ist und dass die Sonne scheint. Auf einmal. Wir reden über diese ganze heiße Luft. Auch dann noch, wenn wir wieder frühstücken, in MFGs investieren und Tee trinken. Und darüber reden. Als sei es etwas Besonderes. Auf einmal. Aber auf einmal heißt eben: einmal. Und dann nie wieder. Alles irgendwie ein bisschen Marmelade.




Frohes Neues.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona

Das erste Mal hat nicht so gut funktioniert. Also eigentlich hat es gar nicht funktioniert. Komplette Fehlzündung, wie manches erste Mal. Versuchen wir es also einfach noch mal. Denn Versuch macht ja bekanntlich klug. Und – um das vorwegzunehmen – genau so betrunken. Silvester 2020 und seine guten Vorsätze sind krachend gescheitert. Zeit also, es ein zweites Mal anzustoßenn, das nicht mehr ganz so neue und doch unverbrauchte Jahr 2020.

Die Gäste erscheinen durchnässt und angefroren bei 14 Grad und Nieselregen. Es ist ein milder, langer Winter bisher. Merkwürdig hell ist es. Anstatt die Winterzeit abzuschaffen, wurde sie anscheinend so verändert, dass es nun bis spät abends noch hell ist. Wie erhellend. Geändert haben sich die Zeiten auf vielerlei Weise. Für Menschen, die ihr Geld gerne mit allerlei Tamtam entflammen und explodieren lassen möchten, liegen keine Raketen und Böller mehr in den Geschäften. Stattdessen benutzt man indes hierfür Konzertkarten und WireCard-Aktien. Zudem scheint man nur Blumen, aber kein Blei oder Wachs, gießen zu dürfen. Das Rätseln über die Zukunft übernehmen nun die Rotweinflecken auf dem Tisch und Hobbyvirologen. Dinner for One, die einzige Konstante in unser aller Leben neben dem Frust über Montage, wurde abgedreht. Den Kummer darüber ertränkt man in Gin mehr for One.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona

Doch bis auf den latenten Schwund der Folklore ist alles beim Alten. Weihnachten ist so schnell vergangen und gefühlt liegt es schon wieder eine Ewigkeit zurück. Nach den essensreichen Tagen eingesperrt zuhause freut man sich auf ein bisschen Ausgelassenheit mit Freunden. Die Mühsal, in einen Club nicht reinzukommen, erspart man sich lieber direkt und begeht das neue Jahr lieber weihevoll und selber voll in den eigenen vier Wänden. Den Nachbarn hat man nicht Bescheid gegeben, dass es lauter werden könnte, die dürften ja selber lange wach bleiben oder machen eh Urlaub in den Bergen.

Und so beginnt man nachdenklich über das letzte – halbe – Jahr zu philosophieren, zu streiten, darüber, was in der Zeit alles geschehen ist („Nichts? War das nicht auch dieses Jahr?“) und davon zu träumen, was man sich für das nächste alles vornimmt. Endlich verreisen, in die Ferne außerhalb des eigenen Stadtteiles. Der Harz steht ganz oben auf der Liste exotischer Reiseziele. Oder man freut sich auf das Konzert, das in einem Jahr stattfinden wird und dessen Karte man vor einem Jahr gekauft hat. Zu den Vorsätzen gehört auch, weniger Flugreisen anzutreten und die Schätze vor der eigenen Haustüre zu entdecken. Und sich allgemein weniger vorzunehmen – außer das eine vielleicht: gesund zu bleiben.

Um Mitternacht ist es ruhig auf der Straße und warm auf dem Balkon. Das müssen die Vorboten der Erderwärmung sein. Es fühlt sich beinahe an wie eine lauschige Sommernacht. Fröhlich, erhitzt und beschwipst. Das Knistern der Wunderkerzen begleitet die letzten Klänge der Vögel, das eigene Lallen und die „Ruhe!“-Rhetorik der Nachbarn. Die beschwingten „Frohes Neues“-Rufe werden nur erwidert mit einem Blick, der so entgeistert wirkt, wie die Vorstellung einer Mundschutzpflicht, eines globalen Reisestopps oder eines Bundeskanzler Söders. Völlig daneben.

Und so scheint das Motto für das neue, alte Jahr vorgegeben zu sein: wenig Lärm um Nichts.

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Radio Ga Ga.

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Das Leben fühlt sich manchmal an wie eine recht langatmige Unterhaltungssendung. Wir reihen Unterhaltungsprogramm an Unterhaltungsprogramm und unterbrechen das Unterhaltungsprogramm lediglich für den Gelderwerb zur Finanzierung des Unterhaltungsprogramms. Je mehr Geld wir erwerben (und je weniger Zeit wir dadurch haben), desto mehr Unterhaltung bieten wir uns selber an in der verbleibenden, dahin rinnenden Zeit. Ob Sudoku, Plastiktütensammeln oder Fallschirmsprung – kaum eine Sache ist uns zu absonderlich, kaum ein Aufwand zu groß, um unseren anspruchsvollen Geist zu unterhalten. Einfach nur Sitzen und Transpirieren, bis der Tod uns ereilt, kommt nicht in Frage. Zu Tode gelangweilt scheint die schlimmste Form des Siechtums zu sein. Nein, die Sinne wollen befummelt und berührt werden.

Über die Ausmaße, die diese Stimulationssuche annehmen kann, wurde an dieser Stelle bereits ausufernd referiert. Bis zur scheppernden Stirnrunzelation berichtet der Schellenaffe seit nun mehr drei Jahren über Urlaubsabenteuer (Fifty shades of dying.)  Konzerterlebnisse (Zwischen Wahn und Wirklichkeit – ein Abend mit Bolzen Höxter. ) und Kunstobjekte (Avantgarde und Altkleider – ein Ausflug in die Kunstszene.). Über Schlammschlachten (Wat mud, dat mudder. ) und Sammlerfreuden (Safety cards first. ). Unterhaltung scheint der Unterhalt des Schellenaffen zu sein. Doch blieb bisher eine der beliebtesten Formen der Unterhaltung unkommentiert. Der Schellenaffe scheint beinahe sprachlos angesichts der allgegenwärtigen Dauerunterhaltung, um die es heute nun endlich gehen soll. Fans nennen es den Soundtrack des Lebens. Kenner erinnert es vielmehr an dieses leicht nervige Piep-Piep-Piep-Geräusch beim Rückwärtseinparken. Die Rede ist vom Radio. Von den Bestien der Achtziger, Neunziger und von heute. Die Dekade dazwischen ignorieren wir einfach mal, da passierte eh nichts außer Angela Merkel. Und die ist ja heute noch da. Also ist eigentlich wirklich nichts passiert. Außer sehr viel Stau. Und Seitenbacher Müsli.

Subtile Werbebotschaften eines fränkischen Müslimanens werden unterbrochen von Liedern, die jeder kennt und niemand mag. So wie eben Seitenbacher. Oder wer würde schon sagen, dass Modern Talking irgendwas mit Liebhaben zu tun hat? Ums Liebhaben geht es dafür viel bei Max Forster, nein Mark Giesinger, naja bei dem mit der Stimme, Sprechweise und Satzbauweise eines Fünfjährigen. Heeey. Liebe. Glück. Zusammen. Bubumachen. Und zehn Kilometer Stau auf der A3. Du schaffst alles. Wenn du nur willst. Auch eine Tasse zu gewinnen. Bei diesem tollen Gewinnspiel, bei dem immer nur hysterische Hausfrauen durchgestellt werden, die vor Freude ihre Kaffeetasse fallen lassen. Weil nur hysterische Hausfrauen bei Radiogewinnspielen mitmachen.

Wie Scherben im Ohr hört es sich dann an, wenn der von Müsli aufgeputschte, glücksbärchenartige Radio-Bot die Lieder anspielt, die in der nächsten halben Stunde gespielt werden. Die Tonfetzen werden feinsäuberlich durch den Jingle des Radiosenders unterbrochen und durch einen zwanzig minütigen Werbeblock abgerundet. Oder durch die mantrahaft aufgesagte Lobpreisung man sei der einzige werbefreie Sender. So oder so kriegt man die halbe Stunde bis zu den nächsten Nachrichten auch rum. Wieso die „Voll. Vollsperrung. Gemeinsam mit dir. In der 1A Vollsperrung. Und dann ab ans Meer. Ein bisschen stockender Verkehr. Oh yeah.“ – Meldungen und das bisschen Musikprogramm noch nicht endgültig eins geworden sind, bleibt ein Rätsel. Es wäre ein ohrensichtlicher Megashit.

Doch bei aller Kritik sollte man dem Radio dankbar sein. Dankbar dafür, dass alle anderen Formen der Unterhaltung nicht dem gleichen Muster folgen. Man sollte dankbar dafür sein, dass das Orchester nicht erst zwei willkürliche Takte spielt und dann die Bühne wieder verlässt und irgendwann in der nächsten Stunde wieder auf die Bühne kommt, um die restlichen Takte bis auf das Ende zu spielen. Man sollte dankbar dafür sein, dass sich in unserem Urlaubsschmöker nicht alle 20 Seiten der exakt gleiche Text wiederholt. Und dass sich genau dieser Text auch in jedem anderen Buch in diesem Moment befindet, dass wir hastig aufschlagen. Man sollte dankbar dafür sein, dass Menschen uns morgens in der U-Bahn nicht mit „WAS FÜR EIN TOLLER TAG HEUTE! DAMIT DU GUT ZUR ARBEIT KOMMST, SPIELE ICH EINEN ECHTEN GUTE LAUNE HIT – NUR FÜR DICH!!!“ begrüßen, während man „whenever, wherever“ die Notbremse sucht, um vor Shakira zu fliehen. Man sollte dankbar sein dafür, dass man der Kinofilm nicht durch den Hinweis auf Verkehrsprobleme in einem anderen Bundesland regelmäßig unterbrochen wird. Man sollte dankbar dafür sein, dass bei einer Wanderung der Freund nicht immer abgehackter und undeutlicher spricht, um dann ganz plötzlich zu verschwinden. Und nie wiederzukehren. Man sollte dankbar sein, dass Seitenbacher keine Fernsehwerbung…verdammt. Die Welt ist ein trostloser Ort. Zumindest, wenn man zu langem seinem Soundtrack lauscht. Denn der geht verdammt noch mal ins Ohr. Und bleibt im Kopf.




Orange life matters.

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Versprechen muss man einhalten. Mögen sie auch noch so absonderlich und kolossal dämlich sein. Aber irgendwann hielt man das gegebene Versprechen schließlich für eine manierliche Idee. Versprechen zu halten, ist also eine Frage der rückwirkend betrachteten eigenen Zurechnungsfähigkeit. Das weiß in der Regel auch jeder kleinste Idiot oder größte Despot.

Und so wacht ein besonderer Idiot an einem trüben Novembertagmorgen auf. Bei einem kleinen Gläschen Sagrotan schaltet er den Fernseher ein, um vom Bett aus eine Dokumentation über sich selbst zu schauen. Die Sendung wurde jedoch abgesagt. Stattdessen laufen andere Witzfiguren durchs Bild und berichten in einer Flut an Eilmeldungen, dass der Idiot selbst aus seinem eigenen Haus ausziehen werde. In wenigen Wochen. Das habe irgendjemand, der sich „Wähler“ nennt, beschlossen. Diese Fake News werden langsam immer dreister, denkt sich der Idiot. Und postet einen entsprechenden Trött auf Trumper. „Melanie, die Frau“ gefällt als einzige dieser Kommentar. Trumper befindet sich nun mal noch im Aufbau. Nachdem der Idiot vergeblich per Dekret versucht hatte, Twitter zu verbieten, ließ er sich eben sein eigenes Kurznachrichtenportal bauen. Trumper – das beste Netzwerk der Welt.

Er, ausziehen? Das kommt auf keinen Fall in Frage. Eher geht er ungeschminkt vor die Haustür. Die Welt braucht ihn schließlich mehr denn je. Er muss noch ein Versprechen einlösen. Und so wird das unerfüllte Versprechen zur Lösung seines Problems: er hat den Menschen eine Mauer versprochen. Eine gewaltige Mauer. Die beste Mauer, die die Welt je gesehen hat. Er wird diese Mauer lediglich nicht mehr an irgendeiner staubigen Grenze zu (s)einem Schurkenstaat erbauen lassen, sondern rund um sein Haus. Dass ihm diese brillante Idee nicht schon früher gekommen ist, liegt vermutlich an den Freimaurern und den Chinesen. Doch denen wird er es nun zeigen. Per Befehl wird er ihnen zeigen, wer die Pekingente knuspriger brät: er wird die Herausgabe der chinesischen Mauer verordnen und diese in mehreren Kreisen um das eigene Haus wieder errichten lassen. Falls etwas dabei im Wege stehen sollte, wie ein Kongresshaus zum Beispiel, möge es doch bitte einfach verschwinden. Wie alle Probleme seit er an der Macht ist, verschwinden. Das was von der Chinesischen Mauer übrig bleibt, kann ja dann an irgendwelchen Grenzen aufgetürmt werden, wenn es unbedingt sein muss.

So bleibt ihm eine fantastische Menge an außergewöhnlicher Zeit übrig, um seine weiteren großartigen Projekte zu vollenden. Insbesondere die Olympischen Spiele, zu deren Boykott er doch schon dieses Jahr am liebsten aufrufen wollte, muss er doch noch miterleben. Beziehungsweise deren Nichtstattfinden. Eine Zusammenkunft von Menschen, die behaupten, sie seien die Besten in irgendwas, kann er schließlich einfach nicht dulden. Dabei hebt doch keiner so gut wie er schwere Gewichte, wie die Bibel. Und keiner rennt schneller weg als er. Sei es in einen Bunker, den niemand seit dem 11.9.2001 benutzt hat oder sei es vor einem Experten.

Und dieses Rot in der Amerikanischen Flagge. Das kann er auch nicht einfach so durchgehen lassen. Die Farbe der Kommunisten! Welch Schande. Nein, ein streifiges Orange ist viel angemessener. Die beste Farbe der Welt! Make Orange great again! Die neue Farbe für die Hausfassade ist doch eben erst bestellt. Und die Holländer haben auch noch immer nicht auf sein fantastisches Angebot reagiert: die Niederlande gegen Alaska einzutauschen. Nein, jetzt ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um auszuziehen. Am Ende wollen sie ihm womöglich auch noch die Airforce One wegnehmen. Wie soll er dann in die Kirche auf der anderen Straßenseite gelangen? Möge ihm der Allmächtige beistehen: „der beste Präsident, den Gott je geschaffen hat“.




Dösenantrieb.

Dösen Schlafen Mittagsschlaf Nickerchen

Welch fahrlässige Dösung. Die Sonne scheint. Hell und freundlich lacht der schöne Tag durch das Fenster. Und man liegt auf der Couch. Verkrochen unter einer Decke, bedeckt mit halbgeöffneten Augenlidern. Die Gedanken plätschern sanft vor sich hin anstatt zu scheppern. Nichts treibt einen an oder um – außer der eigene Dösenantrieb. Die Superkraft des Entspannens.

Wie eine Mittsommernacht dämmert man dahin. Ob man in den dunklen Schlaf findet oder in schummriger Ruhe verweilt, bleibt ungewiss. Das ist die einzige Spannung der Entspannung, die Frage nach der Dösierung: Bleibe ich wach oder schlafe ich doch kurz ein? Dabei ist die Antwort gänzlich egal. Der Ausgang des Dösens lässt sich nicht steuern oder planen. Der Schlaf des Dösers ist wie der Sommer: ob er wirklich kommt und wie lange er bei uns bleibt, ist ungewiss (und meist geht er mit langen Nächten einher). In der Dämmerung des Geistes reduzieren sich die Gedanken. Doch anders als beim nächtlichen Zubettgehen halten sie den Döser nicht von etwas ab und rauben ihm den Schlaf, sondern sie massieren sanft seine Denkmuskeln. Der ruhige, gleichmäßige Atem, der einen dabei begleitet, ist wie die 9. Sinfonie – von Betthoven. Alles reduziert sich auf das Wesentliche: Decke und Kissen.

In anderen Kulturen wird der Magie des Dösens gehuldigt. Geschäfte schließen am helllichten Tag. Die Betriebsamkeit wird gedrosselt. Der eigene Lauf durch den Tag unterbrochen. Siesta, welch eine Fiesta. Sobald die Sonne hoch steht, legen sich alle anderen tief hernieder. Und wir? Uns bleibt das Nickerchen im Bürostuhl oder die Pause ohne Plauderei meist verwehrt. Dabei besitzt beinahe ein jeder diese Superkraft. Ob im Sog des Düsenantriebes eines Flugzeugs oder als Beischläfer im Auto, ob auf den Bücherstapeln der Bibliothek oder der Sitzbank eines ratternden Zuges, wer erlag ihm noch nie? Dem Dösenantrieb. Warum sollte man also jenen übermächtigen Kräften nicht nachgeben und sich an einem gewöhnlichen Montagmittag ein kleine Portion Dösenravioli aufmachen?

Bis zu jenem Moment, an dem man erwacht, nicht weiß, wo man sich befindet (ob in Döseldorf oder Dösburg), wie spät es ist und sich fragt, ob man wirklich geschlafen hat. Ganz so, als würde man niesen und sich dabei fragen, ob die Nase juckte. Für einen kurzen Augenblick der Unklarheit ist alles wundersam egal. Dann beginnt man sich zu bewegen, den Motor langsam zu starten und den schönen Tag, der noch immer hell und freundlich durch das Fenster lacht, erneut zu grüßen. Der Dösenantrieb wird langsam gedrosselt und mit neuer Energie düst man voran. Denn Opfer einer Überdösis möchte man schließlich nicht werden. Das wäre dös Wahnsinns.




Einen am Helm haben.

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Verschwörungstheorien werden gemeinhin belächelt oder direkt bei Rewe ausgelistet. Zu Recht. Sind sie doch völliger alubehelmter Humbug. Diese Verschwörungsfiktionen basierend auf absonderlichen Kausalitätsketten wirken, als habe man sie mit einem Gebetswürfel erknobelt und rückwärts gesungenen Liedtexten von Xavier Naidoo an den Haaren herbeigesungen. Doch vor allem sind sie eines: falsch. Einfach nur offensichtlich falsch. So offensichtlich wie Kondensstreifen. Wenn sich die New World Order durch Billy Gates` Kontobewegungen und ein paar YouTube-Videos einfach erklären ließe, dann wäre doch schon längst Winnie the Pooh neuer Weltenbärherrscher.

Nein, die Sache ist komplizierter. Verworrener. Und noch gefährlicher als gedacht. Winnie the Pooh `s Plan ist weitaus brillianter als es ein paar Microchips unter der Haut sein können. Winnie the Pooh `s Plan sieht die Ausrottung der Menschheit vor. Durch einen Virus. Warum? Weil wir Winnie das rauben, was er zum Leben braucht: Bienen. Bienen für seinen Honig. Winnie the Pooh lässt die Menschheit einsperren und ausrotten, um das menschenverursachte Bienensterben zu stoppen.

Bei der Verbreitung der tödlichen Viren helfen ihm Sekten: die Insekten. Und natürlich Bill Gates. Die Hinweise sind eindeutig: was war jahrelang der prominente Desktophintergrund eines jeden Computers? Richtig, eine Blumenwiese. Kann das Zufall sein? Nein. Ebenso wenig, wie der Firmenname bzw. das Logo von Windows – ein offenes Fenster, durch das Insekten in jeden Haushalt geschleust werden – nicht zufällig gewählt sein kann. Insbesondere der Geheimbund „I-Ah“, der sich als kuscheliger Esel tarnt und eng mit Winnie the Pooh (s.o.) in Verbindung steht, unterwandert unsere Gesellschaft, in dem er sich für den „Naturschutz“ einsetzt. Doch der niedliche Esel ist in Wahrheit ein blutrünstiges Raubtier: I-Ah bedeutet rückwärts gelesen schließlich Hai. Kann das Zufall sein? Wir kennen die Antwort.

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Und was tut die Bundesregierung, um all dies zu verhindern? Nichts. Denn sie ist längst Teil des Systems geworden und gaukelt uns seit Jahren etwas von Sicherheit und „Impfschutz“ vor. Eine Impfung ist am Ende nichts anderes als ein Stich – ein Stich eines als Spritze getarnten Insekts!!!1! Der Beweis hierfür: die gemeinhin als „Raute“ bekannte Handhaltung unseres Regierungsoberhauptes ist am Ende nichts anderes als eine angedeutete Bienenwabe, das Erkennungszeichen der „Ilubieneti“. Und schon unseren Kindern werden von der Lügenpresse vereinnahmen: ihnen wird die natürlich angeborene Angst vor Insekten genommen durch niedliche Geschichten, beispielsweise von der Biene Maja. Dabei heißt Maja rückwärts geschrieben auf Arabisch: Nicht-Araber. Und wer sind wohl die bekanntesten Nicht-Araber? Richtig, Juden. Mehr muss nicht gesagt werden. Außer dass Corona rückwärts geschrieben auf Rumänisch „viel Glück“ bedeutet.

Kann The New Pooh Order überhaupt noch aufgehalten werden? Machen wir uns nichts vor: sie sind bereits überall – hinaus geschwärmt auf dieser Welt. Doch kann man sich mit einfachen Mitteln schützen. Zum einen durch das Tragen angemessener Schutzkleidung, insbesondere ein Imkerhut ist hier ratsam. Zudem hilft es, nur noch rückwärts zu sprechen und Blumen und andere „Flower Power“ zu meiden. Doch machen wir uns nichts vor: es wird kein Honigschlecken. Nur diejenigen, die einen an der Klatsche haben, werden am Ende noch zu retten sein.




Öffnungszeiten.

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Immer schön locker bleiben. Und wer es nicht ist, möge es schnell werden. Allen voran gilt dies für verspannte Ministerpräsidenten mit Geltungsbedürfnis und Oppositionspolitiker, die merken, dass sie weniger systemrelevant sind als gemeinhin gedacht. Getreu dem Motto „was interessiert mich mein Geschwätz von heute Morgen“ gibt man sich daher plötzlich so locker, wie die Maske im Gesicht hängt. Gemeinschaftliches Vorgehen sei natürlich wichtig, aber wenn die anderen dem eigenen Vorgehen nicht folgen möchten, dann geht das eben nicht. Ist ja logisch. Mit den gegenseitigen, unmaskierten Schuldzuweisungen kehrt somit ein Stück Normalität in das politische Deutschland zurück. Und das ist den Bürgern doch so wichtig. Wie beruhigend.

Und so scheint jedes Bundesland zwar kein Desinfektionsmittel, aber die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ein jedes sucht sich einen Wochentag im Mai und mindestens einen kleinen Coup aus, den es von anderen, ach so unlockeren Bundesländern unterscheidet. Dabei scheint die Regel zu greifen: je kleiner das Bundesland, desto größer ist die Kreativität bei der Ausgestaltung von Lockerungsübungen. Das drollige Rheinland-Pfalz hat sich zum Beispiel überlegt, Campingplätze zu öffnen. Also nur für Dauercamper. Und nur wenn sie eigene Sanitäreinrichtungen bei sich führen. Wenn sie also mit einer Anhängerkupplung ihre Zahnzwischenräume reinigen ab nach, na in diese eine Stadt in Rheinland-Pfalz. Dabei ist doch, wenn man ehrlich ist, ganz Rheinland-Pfalz ein Dauercampingplatz. Wirklich wohnen möchte man da doch eh nicht.

Das vermeintliche „Dunkeldeutschland“ geht ähnlich lichtundurchlässig vor: in Sachsen-Anhalt dürfen ab nächster Woche Ferienhäuser und -wohnungen vermietet werden. Aber nur an Einheimische. Corona verursacht nicht nur Probleme beim lockeren Atmen, sondern auch beim knotenfreien Denken.

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In Hamburg scheint man die Sache aber sauber durchdacht zu haben. Man holt nur die besten, leistungswilligsten Schüler zurück in die Schulen, also diejenigen, die eine anspruchsvolle Denksportaufgabe lösen können: „So werden in der Woche ab dem 27. April die Klassenstufen 9, 10 und 13 der Stadtteilschule, 10 und 12 der Gymnasien, 9 und 10 der Regionalen Bildungs- und Beratungszentren sowie die Abschlussklassen der Berufsbildenden Schulen erste Präsenzangebote zur Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen bekommen. Eine Woche später beginnen die Unterrichtsangebote für die Klassenstufe 4 der Grundschule, die Klassenstufen 6 und 11 der Gymnasien sowie die Klassenstufe 12 der Stadtteilschulen.“ (Quelle: https://www.hamburg.de/bsb/13862594/2020-04-17-bsb-schuloeffnung/). Wer die Frage beantworten kann, ob und wann er wieder in die Schule gehen darf, der darf in die Schule gehen.

Es sei denn, er war kürzlich in einem Geschäft mit mehr als 800qm Fläche und hat sich dort die Augenbrauen zupfen lassen. Das ist verboten. Getrimmtes Haupthaar ist systemrelevant, aber Augenbrauenbewuchs ist ein Hygienefaktor. Denn wenn man in seine Maske hustet, verfängt sich alles (Viren, Virologen, Vanillamilchshakes) natürlich als erstes in dichter Augenbrauenbeborstung. Um sich seiner Gesichtsbehaarung zu entledigen, muss man sich demnach im Gesicht tätowieren lassen, denn hierbei wird die zu gestaltende Fläche vorab gründlich rasiert. Als Motiv eignet sich beispielsweise ein Mundschutz. Oder man versucht sein Glück in einem Hundesalon. Die sind in den meisten Bundesländern wieder geöffnet. Menschenkörpernahe Dienstleistungen werden jedenfalls weiterhin stark reglementiert, also Brauenzupfen und Bordellbesuche. Da ist das mit den 1,5m auch.. ach egal. Jedenfalls ist der Hundesalon vielleicht eh die bessere Wahl: Friseuren mit maskiertem Sichtfeld, welche seit zwei Monaten damit beschäftigt waren, ihre Hecken zu schneiden, sollte man vielleicht nicht allzu unmittelbar ans Haupthaar lassen. Wer ohnehin kein Haupthaar mehr besitzt, darf sich in Berlin zu Wasser von den Strapazen erholen: Schifffahrten mit offenem Verdeck sind hier wieder erlaubt.

Doch immerhin die Frage der Kinderbetreuung scheint endlich eindeutig geregelt: Ikea macht wieder auf. Welch Erleichterung. Bald darf man sogar wieder diese leckeren Hackbällchen aus aussortierten Holzdübeln verspeisen. Wenn man öffentliche Verkehrsmittel meiden möchte, dann empfiehlt es sich einfach, den Führerschein noch einmal zu machen und sich von A nach B zu fahren. Oder man fährt in Nordrhein-Westfalen einfach ein bisschen Achterbahn. Dabei hat man meistens auch nicht das Gefühl, in der gleichen Ausgangslage wieder auszusteigen. Und irgendwie hat man dieses Gefühl des freien Falls so lieb gewonnen wie den Söder, Markus aus Bayern. Mit seiner Karokatur im Gesicht.

Neben kontaktarmem Sport, wie schreiend Weglaufen oder Einkaufswagenrennen, wird nun jedoch vor allem eines empfohlen: um die gebeutelten Staatskassen zu füllen picknicken sie bitte im Park. Das bringt 250€ pro Anwesendem in die leeren Kassen und den Blutdruck nach der kontaktarmen Unsportlichkeit wieder etwas in Schwung. Über Geisterspiele von 22 Millionären kann man sich schließlich nicht ewig aufregen.

Beachten Sie vor allen Dingen etwaige neue Regelungen und Verbote, die so plötzlich kommen können wie Corona selbst. Die zweite Welle kommt so gewiss wie Verschwörungstheoretiker derzeit an ihrer (V)Erklärung arbeiten. Eine Vielzahl an Lebensbereichen wird erst noch von der Wucht der Sicherheits- und Hygienekonzepte erfasst werden. Es ist beispielsweise damit zu rechnen, dass in Betriebsrestaurants nur eine angemessene Anzahl an Sättigungsbeilagen zugelassen sein wird. Ebenso dürfen Erbsen und Möhren sich nicht mehr berühren (der Schellenaffe bereitet eine Petition für die Staatsrettung von Mischkonservenherstellern vor). In Kindertagesstätten ist zu erwarten, dass nur noch Kinder zusammen spielen dürfen, deren Vornamen die gleiche Anzahl an Buchstaben aufweist. Tom und Ben dürfen also miteinander spielen. Tom und Jerry nicht. Ben und Jerry ebenfalls nicht. In Clubs und Discotheken wird es durch Insolvenzanträge abgesteckte, 1,5m mal 1,5m große Tanzbereiche geben, die man sich für einen Abend mieten kann. Die Getränkeversorgung findet steril und effizient per Bierdusche statt. Und wenn schließlich bei Vollmond der kleine Bär 1,5m vom großen Wagen entfernt ist, dann öffnet sich irgendwann etwas: die Augen und man denkt „schön locker bleiben bei dem Theater“. Doch leider darf man nur in Schleswig-Holstein bei diesem Theater mitspielen: hier sind Theaterproben wieder erlaubt. Ab dem 18. Mai. Ein Montag. Wenn das kein Grund zum lockeren Scheppern ist.




Zeit der Entsorgung.

Ausmisten aufräumen wegwerfen entsorgen

Schon klar. Man sollte den Gürtel jetzt mal enger schnallen. Sofern man es denn noch kann (siehe Fett isoliert.) und nicht doch schon bereits die Tragweite und Festigkeit seines neuen Arbeitsplatzes angenommen hat („Du siehst aus wie ein Ohrensessel.“). Dann sollte man eben die Spanngurte mal enger schnallen. Doch bei der Suche nach der richtigen Befriedung der eigenen Fettreserven stellt man fest: ich besitze mehr Gürtel als tragbare Hosen. Beklemmt schließt man die Schublade und mit ihr die Augen vor dieser bitteren Erkenntnis.

Dann ist jetzt eben die Zeit des Aufsparens. Vorbei die Verschwendungssucht sprunghafter Heuschrecken, lang lebe die ameisenartige Vorratshaltung. Und so begibt man sich auf die Suche nach passenden Behältnissen für das Aufsparen von kalten Nudeln und stellt fest: ich besitze mehr Deckel als Dosen. Und bei genauerem Hinsehen stellt man fest: ich besitze Deckel und Dosen, aber keine Deckel für die Dosen. Man verschließt den Vorrat in einem Gefrierbeutel und den Blick für den Flüchtigkeitsfehler im eigenen Küchenschrank.

Mit geschlossenen Augen geht man in den Keller, um den Reisekoffer in Kurzarbeit zu schicken und stellt mit einem Bein im Christbaumständer stehend fest: es ist kein Platz mehr frei. Für einen Handgepäckkoffer oder eine Christbaumkugel. Und so ist sie langsam da, die Erkenntnis nach Wochen des im eigenen Leben lebens: ich muss mein Leben ausmisten. Oder zumindest meine Schränke. So ein Mist. Man beginnt zunächst mit dem Aufräumen des Naheliegenden und greift beherzt in die eignen Hosentaschen. Ein benutztes Taschentuch und Klumpen Etwas landen im Müll, das Zehncentstück im Portmonee. Als echter Gewinner geht man vom Platz und nimmt zunächst erst einmal wieder Platz.

Bis zu jenem Moment, da man beim Wäscheaufhängen feststellt, dass man erneut dieses besondere Paar Socken mit den Notausgängen für Zehen gewaschen hat. Anstatt sie nun also auch noch sauber defekt wieder in den Schrank zu räumen, schmeißt man sie fort. Und stellt fest, dass die Tränen und der Schmerz ausbleiben. So fasst man Mut und öffnet beherzt das Tor in die Vergangenheit: diese eine Seite des Kleiderschranks, die man nie öffnet. Man öffnet sie und sieht Schweinsteiger. Schwarz, rot, vergilbt liegt dort sein Trikot. Man googelt das Ende seiner Karriere im Profifußball und legt das Relikt ins Abseits: in die bereit stehende Mülltüte. Beim anschließenden Durchsehen alter, zerschlissener Hosen, die man ja mal fürs Malen gebrauchen kann, stellt man fest, dass man sein Maleroutfit mit jeder Wand, die man seit Jahren nicht gestrichen hat und auch nicht streichen wird, wechseln könnte. Man malt sich aus, was man beim Kauf des kleinkarierten Pullovers wohl einmal beabsichtigt hat. Irgendwie ist man sowohl modisch als auch körperlich inzwischen dem Stück entwachsen. Die Überlegungen über die Frage, ob Erwachsene weiter wachsen, werden unterbrochen von einem Trauermarsch: eine schweigende Trauerfeier für das Ende des Lieblingsshirts, das die D-Mark und Helmut Kohl noch miterlebt hat. Helmut, der Handgepäckskoffer und eine kleine Kita würden in dem ausgeleierten Überwurf inzwischen Platz finden. Wahre Ikonen wachsen eben über sich hinaus. Am Ende verschließt man die drei prall gefüllten Säcke ausgeleierter Geschmacklosigkeiten mit den aussortierten Gürteln.

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So langsam kommt man in Schwung und macht gleich in der Küche weiter. Dort entdeckt man Lebensmittel, die mit Schweinsteiger gemeinsam abgelaufen sind. Alles was von PETA-Aktivisten nicht mit Farbbomben angegriffen würde (also keinen Pelz trägt), darf bleiben. Gehen hingegen müssen die Töpfe, die keinen Deckel finden, und Gläser, denen der Durchblick fehlt. Werbegeschenke, die nutzloser als Werbung sind. Alles eben, was unterste Schublade ist.

Im Wohnzimmer sortiert man die Reiseführer aus, die schon vor zehn Jahren keine „echten Insidertipps“ enthielten. Gefolgt von den Gesellschaftsspielen, bei denen man auf Seite fünf des Regelwerks noch jedes Mal zu Wein übergegangen ist. Jedem Winkel, jedem Gegenstand, jedem Lebewesen der eigenen Wohnung wird die Sinnfrage gestellt: warum bist du hier? Doch mit der wachsenden Mülldeponie im kleinen Hausflur stellt der Müll eine Gegenfrage: wohin mit mir?

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Man überlegt kurz, ob man die hohe Spaziergänger-Frequenz vor der Haustür ausnutzen und seine großzügigen Gaben vor der Haustür „outsourcen“ soll. Doch befürchtet man, dass man beim Aufbauen mit den „echten Liebhaberstücke“ gesehen werden könnte. Was so peinlich wäre, wie alles was man jenseits der Jahrtausendwende am Leib getragen hat. Daher tut man das, was man schon immer in dieser Situation tat. Getreu dem Motto „Schön, dass du da bist. Und nicht mehr hier.“ bringt man seine Habseligkeiten auf den höchsten aller Hausmisthaufen: auf den „Möge-der Müll-sich-erhängen-Boden“, wo irgendwann Taubenkot das Problem korrodieren möge.