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Die Frau und das Meer – Begegnungen zwischen Surfbrettern, Dauerwelle und Glückseligkeit

Das Meer, ich liebe es. Nichts auf dieser gigantischen Erdkugel stimmt mich so ehrfürchtig wie der Anblick dieses unendlich tiefen Blaus. Dieses nie enden wollende Rauschen, diese pure Gewalt lösen in mir eine geradezu ergreifende Demut aus – ein diffuses, salziges Gefühl aus Faszination, Geborgenheit und mehr oder minder nackter Angst. Wie klein wirkt der Mensch, wie belanglos seine Probleme, wie vergänglich sein Rettungsschwimmerabzeichen angesichts dieser Endlosigkeit.

Auf dieser Endlosigkeit treibe ich nun dahin – auf einem Stück Hartschaum, welches kleiner ist als ein Badehandtuch. Ich sitze auf einem schmächtigen Brett, schaue in dieses dunkle, klare, gewaltige Blau hinein und frage mich wie ich eigentlich hierhergekommen bin. Eine einfache Überlegung trieb mich in meine klamme Lage: ich schwimme gerne, mag es aktiv zu sein, dürste  nach Sonne und salziger frischer Luft – und das Meer finde ich ja dem Hörensagen nach auch so überaus bezaubernd. Warum also sollte ich nicht einfach mal eine Woche dem Meer besonders nahe sein und unter der portugiesischen Sonne das Wellenreiten erlernen?

Gestrandet an der Altantikküste beginnt das kurzweilige Abenteuer zunächst mit einer beruhigenden Erkenntnis: Surfer sind wirklich genauso wie man sie sich vorstellt. Während sie zu Wasser wie Gekos in einer Salatschleuder zu tanzen scheinen, ist ihre Entspannung zu Land so tief wie der Marianengraben. Energieverbrauch – in Form einer artikulierten Ausdrucksweise oder akkurater Termin- und Lebensplanung – wird komplett vermieden. Man lebt in einem an der Klippe geparkten Bulli oder Camper, der so niedrig ist, dass man sich offensichtlich nicht mal mehr die Haare kämmen kann. Verfilzt, barfuß, gebräunt und drahtig wie ein Kaninchenbraten schlurft diese gestrandete Surfwelt an mir vorbei. Ein Leben in purer Lässigkeit statt permanenter Lästigkeit. Klischees bestätigt, wie beruhigend, bro.


Nachdem ich mich äußerst ungraziös wie durch eine Ganzkörperlaminiermaschine in meinen Neoprenanzug geprügelt und einige gar nicht peinlichen Trockenübungen zu Land absolviert habe, springe ich endlich in die Fluten. Geradezu wohltuend ist die Kühle, die durch den Anzug wie durch ein gekipptes Fenster spürbar ist. Wie schön es wäre den ganzen Tag hier einfach im Wasser zu treiben. Ich könnte FLATSCH…die Augen aufmachen, um zu sehen wenn eine Welle auf meinem Nasenrücken brechen möchte. Und dieses unredige Brett in meinem Arm ist vermutlich auch keine figurbewusste Rettungsboje, an der ich mich einfach festhalten und an Land spülen lassen kann. Wellenreiten, nicht Wellenbegleiten war das Motto.

Wie eine ausrangierte Mätresse auf die Guillotine wartend liege ich nun auf meinem Brett, Blick Richtung Strand gerichtet und warte auf die nächste Welle. Sie bricht weit hinter meinen Füßen und rauscht als weiße Wand heran. Ich beginne – wie ich finde – äußerst kraftvoll zu paddeln und habe dennoch das Gefühl gen blaue Unendlichkeit hinausgezogen zu werden. Um im nächsten Moment wie auf einer Schaukel nach vorne zu katapultieren. Auf dem Bauch liegend, mit ungeahnter Schnelligkeit und vor Begeisterung aufgerissenem Mund rase ich gen Strand. Laut lachend falle ich ins Wasser und finde mich im Leichtschleuderprogramm meiner Waschmaschine wieder. Mit gereinigten Nebenhöhlen tauche ich nicht mehr lachend wieder auf. Erkenntnis: beim Surfen besser die Klappe halten.

Frage: Wolltest du nicht aufstehen?

Ich wusste ja schon immer, dass ich ein koordinativer Legastheniker bin, aber dass ich als erwachsene Frau das Stehen erneut erlernen würden müsse, erstaunt selbst mich. Doch wie ein unbeirrbares Baby im Strampelanzug wanke ich in den nächsten Tagen immer wieder in die Fluten und unternehme – angeleitet von meinem ungekämmten Lehrer – wacklige Stehversuche im weiß sprudelnden Wasser. Als eine vor der Guillotine geflohene Volksheldin gleite ich schließlich aufrechten Standes bis zum Strand hervor. Ich bilde mir ein im Schreien der Möwen und Tosen der Wellen so etwas wie gebührenden Beifall zu hören. Die Freude ist groß – und währt nicht allzu lange.


Es ist Zeit für die wirklichen Wellen. Warum dieser Schritt notwendig ist, weiß ich nicht. Doch folge ich meinem lässigen Lotsen über schwappende Wasserhügel hinaus aufs Meer. Hier bin ich nun. Alleine. Die anderen Surfer nehme ich nicht mehr wahr. Ich sitze auf meinem Brett und starre ins von der Sonne erstrahlte Blau. Die Frau und das Meer. Da ist sie wieder, diese Ehr…Furcht! Wie in einem Endzeitfilm türmt sich die H2O gewordene Aigernordwand vor mir auf. Groß, düster, unüberwindbar. Strampelnd drehe ich mich um und beginne um mein Leben zu paddeln. Dabei möchte ich die Welle gar nicht erwischen. Ich möchte einfach nur, dass die Welle mich nicht erwischt.

Und dann passiert es.

Ein gewaltiger Schub erfasst mich. Ich paddele auf der Welle. Meine Rettungsboje neigt sich nach vorne. Doch plötzlich stehe ich. Irgendwie. Und rase in die Tiefe. Gewelltes Haar, über Wasser schwebend, ein Gefühl göttlicher Nähe – für einen Augenblick denke ich, ich sei Jesus. Doch nein, es ist nur ein irdischer Moment surfender Glückseligkeit. Ich möchte diesen Moment mit einem Schrei für immer festhalten. Welch Gewalt! Welch Wucht! Welch Rausch! Doch stattdessen beschließe ich es ist nunmehr der richtige Zeitpunkt, um diese ganze frivole Euphorie zu beenden und bremse meine rasante Fahrt mit meinem Gesicht.

Welch Salzgehalt im Wasser.

Benommen, prustend und grinsend tauche ich auf. Eine junge Surferin beobachtet mich und paddelt herbei. Sie lächelt und sagt mit eindeutigem Akzent: „Huere schön, oderrr?

Huere gut, dude.

Ein Gedanke zu „Die Frau und das Meer – Begegnungen zwischen Surfbrettern, Dauerwelle und Glückseligkeit

  1. Surfaffe, die Göttliche , wenn ich diesen Erlebnisbericht so lese,bin ich froh das ich dich hier schreibend und nicht….ersoffen vorfinde!!!😉 Welch ein Freude mir, mit dieser Gewissheit, dein Bericht gemacht hat ist auf einer Skala von 1 (außergewöhnlich gut) bis 6 (miserabel) mit einer 1+ zu bewerten!!! Ich habe selten so über die ehrliche Einschätzung seiner eigenen Fähigkeiten gelacht !! BRAVO
    Um es mit dem ,schon mal erwähnten superlativen Ausdruck der Begeisterung zu sagen: Huere guet!!!

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